Mehr U-Bahn wagen!

SPD-Bundeskanzler Willy Brandt (l.) besuchte 1973 den Osdorfer Born. Schon damals wurde den Bürgern der Bau einer U-Bahn versprochen. (Foto: J.H. Darchinger / Archiv Schümann)

Warum die Menschen im Osdorfer Born mehr
als SPD-Versprechen und Kanzlerbesuche brauchen

C. Vitt/M. Greulich,
Osdorfer Born

Willy Brandt war ein Hoffnungsträger. Mit seinem Leitspruch „Mehr Demokratie wagen“ gab er den Anstoß zu mehr Mitbestimmung und Beteiligung in den ausgehenden 1960er-Jahren. 1973 besuchte der damalige SPD-Bundeskanzler die wenige Jahre zuvor gebaute Hochhaussiedlung Osdorfer Born. Gemeinsam mit wahlkämpfenden Sozialdemokraten vor Ort versprach der Kanzler den Bau einer U-Bahn. Doch bis heute hat der Stadtteil keinen Bahnanschluss. Bürgermeister Uli Klose (SPD) stoppte den für 1976 geplanten Baubeginn. Es fehlte das Geld. Dann tat sich jahrzehntelang nichts.

Dieses Jahr wird der Osdorfer Born 50 Jahre alt. Seit gut drei Jahren wird wieder über eine neue U-Bahn-Linie diskutiert, die den Menschen im Osdorfer Born, in Lurup und Bahrenfeld den Weg in die Innenstadt erleichtern soll. Aber der jetzige rot-grüne Senat will den Bau vom Osten her beginnen. Bramfeld und Steilshoop sind zuerst dran. Und der Osdorfer Born und Lurup? Viele zweifeln, dass es der Senat unter Bürgermeister Olaf Scholz ernst meint. Dabei hätten die heutigen Sozialdemokraten die Chance, im Geiste Brandts „Mehr U-Bahn zu wagen“.

Kommentar: Mehr U-Bahn wagen!

Als die neuen Wohnungen am Osdorfer Born fertig waren, versprach ein SPD-Bürgermeister den U-Bahnanschluss. Ein SPD-Bundeskanzler war zur Bekräftigung des Versprechens ebenfalls in die Großsiedlung gekommen. Von den Bornern wurde er mit „Willy, Willy“-Rufen begrüßt. Peter Schulz und Willy Brandt sind längst tot, doch immer noch warten die Bewohner des Osdorfer Borns, aber auch Luruper, Bahrenfelder und Schenefelder auf die Erfüllung der sozialdemokratischen Wahlversprechen vom Oktober 1973.

Vor 50 Jahren wurde mit dem Bau der ersten Wohnungen am Osdorfer Born begonnen. Rund 15.000 Menschen leben heute in der Plattenbau-Variante der sozialdemokratischen Idee, günstigen Wohnraum zu schaffen. Es wurde einiges in Kindertagesstätten und soziale Einrichtungen investiert und wird es noch immer. Mit einigen Planungsfehlern wie der Zerschneidung des Stadtteils durch die viel befahrene Bornheide müssen die Bewohner allerdings bis heute leben.

Aber das ist nichts gegen die Planungen der U-Bahn: Immer wieder war kein Geld da für einen Anschluss des auch in Sachen Nahverkehr abgehängten Stadtteils. Bürgermeister Uli Klose (SPD) stoppte den für 1976 geplanten Baubeginn. Dann tat sich jahrzehntelang nichts. CDU-Bürgermeister Ole von Beust nutzte den bereits angelegten U-Bahnschacht unter der Alster lieber für die U4 Richtung Hafencity. Dass für die Anbindung des Renommierstadtteils 323,6 Millionen ausgegeben wurden, haben die Borner mit Fassungslosigkeit registriert. Um den Druck auf die Politik zu erhöhen vernetzten sie sich zur stadtteilübergreifenden Initiative „Starten:Bahn West!“.

Die Verkehrsexperten der Inititiative machen dabei nur einen Fehler: Sie sind zu konstruktiv. Um nicht als „pöbelnde Borner“ wahrgenommen zu werden, bemühen sie sich um Sachlichkeit, wo andere ihre Interessen mit lautem Getöse trickreich zu vertreten wissen. So wurden sie weiter hingehalten. Während im Hamburger Osten die Planungen für die U5 begonnen haben, gibt es im Westen seit fast 50 Jahren nur Planspiele. Wer da noch den Versprechungen glaubt, braucht eine große Portion Gottvertrauen.

Wenn FDP-Politiker Wieland Schinnenburg öffentlich bezweifelt, dass Hamburg die von ihm großzügig geschätzten Gesamtkosten von fünf Milliarden Euro für die Bahn zum Born jemals tragen könne, hat sich der rot-grüne Senat diese Zweifel mit seiner unendlichen Langsamkeit selber eingebrockt.

Sonntagsreden zum 50-jährigen Bestehen brauchen die Borner nicht, sie brauchen einen raschen Baubeginn der neuen U-Bahnverbindung. Dass die Bürgerschaft mit den Stimmen von Rot-Grün in dieser Woche beschließen wird, drei Steckenvarianten für eine Machbarkeitsstudie im Jahr 2018 auszuwählen, ist nur ein erster kleiner Schritt. Dass auch eine Bürgerbeteilung geplant sei, hören die Mitglieder von „Starten:Bahn West!“ gerne. Sie warten unterdessen darauf, dass Olaf Scholz ihnen eine Antwort auf einen Brief gibt, den sie ihm vor einigen Wochen geschrieben haben.

Der SPD-Bürgermeister aus Altona strahlte letzte Woche, als er die mit 789 Millionen Euro vom Steuerzahler finanzierte Elbphilharmonie eröffnete. Wenn die Borner in einigen Jahren den Konzertsaal mit einmal umsteigen per U-Bahn erreichen könnten, würden sie ihn mit „Olaf, Olaf“-Rufen begrüßen.
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