„Lautestes Jahr seit 2000“

Viel los am Himmel über der Stadt – am Boden ist es für viele Hamburger deshalb laut. Foto: panthermedia
 
Streitpunkt Flugverkehr: Bürger im Hamburger Westen klagen über Lärm. Foto: panthermedia
 
Voriges Jahr verzeichnete der Airport Hamburg knapp 161.000 Starts und Landungen – etwa ein Viertel davon ging über die Köpfe der Menschen im Hamburger Westen hinweg. Foto: cv

Konflikt um Fluglärm: BUND will Einschränkung der
Betriebszeiten, Politik sieht bisher keinen Anlass

Carsten Vitt, Hamburg-West

„2016 war ein spannendes Jahr voller Ereignisse für Hamburg Airport. Neue Strecken und Airlines vergrößerten die Vielfalt im Flugangebot für die Passagiere“ – so blickte der Hamburger Flughafen auf das verangene Jahr zurück. Die Initiative gegen Fluglärm (IFL) aus dem Hamburger Westen und der Umweltverband BUND in Hamburg haben eine andere Lesart: 2016 sei das lauteste Jahr seit dem Jahr 2000 gewesen. Zudem habe die Zahl der besonders belastenden Flüge zwischen 22 und 24 Uhr einen neuen Höchststand erreicht. Laut bleibt daher auch der Protest gegen den Lärm der Flieger: Der BUND und angeschlossene Initiativen fordern hartnäckig, dass sich zum Schutz der betroffenen Menschen dringend etwas ändern muss. Im Hamburger Westen sind vor allem Bewohner von Stellingen, Eidelstedt, Lurup, Osdorf, Flottbek, Blankenese und Nienstedten dem Lärm von startenden und landenden Flugzeugen ausgesetzt. Die Initiative beruft sich auf eine Beschwerdestatistik. Messwerte des Airports liegen nur lückenhaft vor. Die verantwortliche Umweltbehörde ist gegenüber mancher Statistik skeptisch.

Unstrittig ist zwischen Fluglärmgegnern sowie Politik und Behörden, dass die Zahl der Nachtflüge sinken soll. Der BUND will mit einer Volkspetition ein Verbot erreichen: Demnach sollen zwischen 22 Uhr abends und sechs Uhr morgens gar keine Flieger in Hamburg starten und landen dürfen. Es wird also ein konsequentes Nachtflugverbot von acht Stunden Dauer gefordert. Bisher ist in der Regel um 23 Uhr Schluss, verspätete Landungen sind aber noch bis Mitternacht möglich.
Flughafen und Politik setzen bisher auf eine Art sanften Zwang: Für Verspätungen sind Gebühren angehoben worden, Mitte vorigen Jahres vereinbarten der Airport und die wichtigsten Fluggesellschaften eine „Pünklichkeitsoffensive“.
Das reicht aus Sicht der Kritiker nicht aus. Zumal die Gebühren für einen Großteil der Maschinen bis 24 Uhr zwischen 5,50 und 181 Euro lägen – pro Flug wohlgemerkt.
Wenn 10.000 Unterschriften zusammengekommen sind, muss sich die Hamburger Bürgerschaft mit dem Anliegen der Petition beschäftigen. Ziel sei, dass die Stadt Hamburg als Mehrheitseignerin eine entsprechende Änderung der Betriebserlaubnis für den Flughafen auf den Weg bringt.

Startverfahren
Es tut sich was. Voriges Jahr hat die Umweltbehörde Strafgelder für Spätflieger erhöht. Auch dieses Jahr soll an der Preisschraube gedreht werden, um Airlines für frühere Landezeiten zu begeistern. Zudem ist geplant, das laute Flachstartverfahren einzuschränken. Dabei steigen Jets in einem flacheren Winkel als üblich und fliegen so länger tief über der Stadt. Besonders häufig wird das Startverfahren auf der Bahn 23 in Richtung Stellingen genutzt.

BUND-Report

Der BUND Hamburg hat einen Lärm-Report zum Flugverkehr in Hamburg vorgestellt – die wichtigsten Ergebnisse:
– Das Jahr 2016 war mit einer Ausbreitung des Lärms auf 14 Quadratkilometern das lauteste Flugjahr seit Beginn des Jahrtausends.
– Starts und Landungen nach 22 Uhr steigen seit 2011 deutlich an.
– Die Quote weniger lauter Flugzeuge liegt in Hamburg
bei nur einem Prozent.
– In den sechs verkehrsstärksten Monaten des vorigen Jahres wurde nur in zwölf der 184 Nächte das festgelegte Betriebsende von 23 Uhr eingehalten, eine Quote von 6,5 Prozent.
– Billigfluglinien sind für etwa 50 Prozent der Starts und Landungen in Hamburg verantwortlich. Ihr Anteil an den verspäteten Flugzeugen in der Nacht liegt bei 75 Prozent. Heißt: Vor allem Billig-Airlines sind für Ruhestörung verantwortlich.


Die Sache mit den Zahlen

Wie Airportbetreiber, Politiker und Fluglärmkritiker
mit Statistiken überzeugen wollen

Mit den Zahlen ist das so eine Sache. Sie versprechen auf den ersten Blick Genauigkeit, scheinen unverrückbaren Beweischarakter zu besitzen. Aber man muss Daten interpretieren. Deuten. Und man kann das in viele Richtungen tun. Das ist ein Teil des Problems bei der Fluglärmdebatte.
Bleiben wir mal bei diesen gesicherten Zahlen: Im Jahr 2016 zählte der Flughafen Hamburg insgesamt 160.904 Flugbewegungen. Knapp ein Viertel (23 Prozent) der Starts und Landungen wurde über die Piste 23 abgewickelt. Diese Bahn liegt südwestlich in Richtung Stellingen/Blankenese. Flugzeuge nehmen also die Route über Niendorf, Lokstedt, Stellingen, Eidelstedt, Lurup, Flottbek und Blankenese und dann weiter südlich über die Elbe – beim Start. Oder sie kommen aus dieser Richtung – bei einer Landung. Zum Vergleich: Die Piste nach Nordwesten (Richtung Quickborn) verzeichnet 43 Prozent der Flugbewegungen, die nach Nordosten (Walddörfer) 29 Prozent.
Um den Lärmpegel in den Einflug- und Abflugschneisen zu ermitteln, hat der Flugfhafen mehrere Messstationen in der Stadt. Für Piste 23 gibt es zwei. Eine am Wasserwerk in Stellingen, eine in Groß-Borstel. Wie stark Luruper, Flottbeker oder Blankeneser dauerhaft dem Lärm ausgesetzt sind, weiß man nicht.
Da kommen die Bürger ins Spiel. Sie können sich im Internet beschweren. Ist recht einfach. 86.120 Beschwerden zählte die Hamburger Umweltbehörde im vorigen Jahr – gut zwei Drittel davon aus dem Hamburger Umland. Knapp 12.000 Beschwerden kamen aus dem Bezirk Altona – stattliche 10.423 allein aus Nienstedten/Rissen/ Sülldorf. Laut Statistik eingereicht von nur 26 Bürgern. Das legte den Schluss nahe, dass einige wenige Bürger sehr, sehr fleißig auf den Beschwerde-knopf gedrückt hatten. Der Vollständigkeit halber: Aus Lurup/Osdorf gab es 713, aus Eidelstedt 317, aus Flottbek 350, aus Ottensen/Bahrenfeld 215, aus Blankenese/Othmarschen zusammen 146 Beschwerden.
Ist es nun zu laut? Ist es okay? Die Politik nimmt Beschwerden ernst. Das sagt auch Anne Krischok, SPD-Bürgerschaftsabgeordnete aus Rissen. Sie hat erfahren, dass im Jahr 2015 und 2016 über mehrere Monate Messstationen am Farnhornweg (Lurup) und am Hemmingstedter Weg (Osdorf) standen. Das Ergebnis: Überraschend. „Selbst während der sechs verkehrsreichsten Monate war die Lärmbelastung nämlich nicht nur deutlich unter den gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerten, sondern sogar etwas niedriger als noch im Jahr 2000“, so Krischok. Das lege nahe, dass die Menschen den Lärm viel stärker empfinden würden, als er tatsächlich ist. Also wäre das subjektiver Lärm.
Wie gesagt: Mit den Zahlen ist das so eine Sache.
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