Kämpferin gegen Geschichtsvergessenheit

Architektin und Mitbegründerin des Leerstandsmelders: Kristina Sassenscheidt ist Vorsitzende des Denkmalvereins Hamburg. Foto: stahlpress

Porträt: Kristina Sassenscheidt will verhindern,
dass „Hamburg bald wie Bielefeld aussieht“

Volker Stahl, Hamburg-West

Aufgewachsen ist Kristina Sassenscheidt in Eppendorf, wo ihre Eltern Mitte der 1970er-Jahre eine WG gegründet hatten: „Damals war der Stadtteil noch bezahlbar und zog viele Studenten und Künstler an.“ Bis heute erinnere sie sich an viele schöne Details der Jugendstilwohnung, wie historische Fenster oder Fischgrätparkett. Vielleicht ist das ja der Grund, warum die heute 39-Jährige das Alte und Gewachsene so liebt und sich für dessen Erhalt als Vorsitzende des Denkmalvereins Hamburg einsetzt.
„Die Stadt verändert ihr Gesicht wegen des aktuellen Entwicklungsdrucks unglaublich schnell und bedroht dadurch ihre architektonische Vielseitigkeit und das gewachsene Stadtbild“, sagt die Mutter eines zweijährigen Sohnes. Als Treffpunkt hat sie das in einem „schönen alten Gelbklinkerbau“ untergebrachte Café Sein in der Hospitalstraße gewählt. Dort überrascht die studierte Architektin mit ihrem Credo: „Mich interessieren Altbauten und ihre Geschichte mehr als das Entwerfen neuer Gebäude.“ Dass diese Aussage kein rückwärtsgewandtes Bekenntnis ist, hat sie mit ihrem Engagement im wieder aufblühenden historischen Gängeviertel und der Mitbegründung der Internetplattform www.leerstandsmelder.de unterstrichen. Unbewohnter Mietraum in einer wachsenden Stadt – für die umtriebige Aktivistin mit rund 2.000 Kontakten im Smartphone ein absolutes Unding.
„Was sich nicht rechnet, hat in Hamburg ein Problem“

Kristina Sassenscheidt hat 2005 ihr Architekturstudium an der TU Berlin mit einer Diplomarbeit zu „Industrieumnutzungen in Hamburg“ abgeschlossen. Nach Jobs in PR- und Eventagenturen heuerte sie 2007 im Denkmalschutzamt der Stadt Hamburg an und baute dort die Öffentlichkeitsarbeit auf. Seit Anfang 2016 ist sie verantwortlich für Projektsteuerung in der Genossenschaft fux eG, die die ehemalige Viktoria-Kaserne in Altona zu einem Ort für Kultur, Bildung und Produktion umbaut. Die einstige „militärische Trutzburg“ soll mit neuem Leben gefüllt werden: „Ziel ist es, erschwingliche Arbeits- und Atelierräume zu schaffen, die nicht mehr als fünf Euro Kaltmiete kosten.“
Ob im Beruf oder im Ehrenamt – unermüdlich kämpft Kris-tina Sassenscheidt gegen die Geschichtsvergessenheit an, der viele Gebäude aus der Gründerzeit, aus der Nachkriegsmoderne und zuletzt aus den 1970er-Jahren zum Opfer fallen: „Hamburg ist vom Kaufmannsgeist geprägt. Was sich nicht rechnet, hat ein Problem.“ Dies gelte besonders für Altbauten, die gesichtslosen Neubauten wichen. „Wenn das so weiter geht“, seufzt Sassenscheidt, „dann sieht Hamburg bald aus wie Bielefeld.“
 auf anderen WebseitenSenden
2 Kommentare
46
Erich Jungnickel aus Altona | 10.05.2017 | 20:45  
6
Kristina Sassenscheidt aus Altona | 11.05.2017 | 15:18  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.