„Ich war naiv!“

ülent Çiftlik galt einst als der Jungstar der SPD in Hamburg, heute will keiner mehr mit ihm zu tun haben. Insgesamt sind vor Gericht 20 Prozesstage angesetzt. Foto: CH

Im Prozess gegen Bülent Çiftlik sagt dessen ehemalige Freundin Nicole D. aus.

Von Christopher von Savigny. Der fünfte Tag der Verhandlung gegen Bülent Çiftlik beginnt mit rund 25 Minuten Verspätung. Die Ersatzschöffin sei erkrankt, sagt der Richter fast entschuldigend. An sich keine große Geschichte - ginge es nicht um Bülent Çiftlik, den einstmals gefeierten SPD-Politiker aus Altona, der jetzt wegen Falschaussage, Körperverletzung und Vermittlung einer Scheinehe angeklagt ist. Es ist bereits der dritte Prozess gegen ihn. Wäre an diesem Tag ein weiterer Schöffe krank geworden, hätte die Verhandlung zum vierten Mal aufgerollt werden müssen. So gesehen haben die Prozessbeteiligten tatsächlich Glück gehabt.
Nicole D.: „Jeder hat für sich gekocht und gegessen“
Çiftlik soll Ende 2007 seine ehemalige Freundin Nicole D. zu einer Heirat mit einem türkischen Bekannten des Politikers überredet haben, um diesem einen Aufenthaltstitel zu verschaffen. Dieser Vorwurf wiegt für das Gericht am schwersten. Und so kommt Nicole D. auch an diesem fünften Prozesstag ausgiebig zu Wort: Sie beschreibt die gemeinsame Wohnung, die sie mit Çiftlik-Freund Kenan T. bezogen hat, um den Behörden vorzugaukeln, es handle sich um eine tatsächliche Partnerschaft. Viele Gemeinsamkeiten habe es nicht gegeben, sagt Nicole D., die bereits in der Hauptverhandlung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde.
„Jeder hat für sich gekocht und gegessen.“ Auch im Kühlschrank habe jeder ein eigenes Fach gehabt. „Wir haben vielleicht ein- oder zweimal zusammen ferngesehen“, berichtet D., die nach eigener Aussage dem Drängen ihres damaligen Freundes Çiftlik nachgegeben hatte, um ihn nicht zu verlieren. „Im Rückblick muss ich sagen, dass ich relativ naiv war“, sagt Nicole D.
Bemerkenswert ist das Verhalten des Angeklagten selbst, der sämtliche Zeugenaussagen auf seinem roten iPad mittippt und seine Ex-Freundin dabei kaum eines Blickes würdigt. Çiftlik - grauer Pulli, lässige Jeans - sieht ein wenig müde aus. Regelmäßig legt er die Finger an die Schläfen - offenbar, um sich zu konzentrieren.
Eine Weile wird sich der Angeklagte noch gedulden müssen: Das Urteil wird nicht vor Februar 2016 erwartet. In der ersten Verhandlung im Juni 2010 war Ciftlik zu einer Geldstrafe von 12.000 Euro verurteilt worden. Dagegen hatte die Verteidigung Berufung eingelegt.
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