Ein Museum platzt aus allen Nähten

Bunte Schnüre zu Schlüsselanhängern: Frida (8) konzentriert sich aufs Knotenmachen. Fotos:cvs
 
Marla (13) zeigt einen (fast) fertigen Anhänger: „Man kann Frau Francke alles fragen, sie kennt sich richtig gut aus.“

Stricken, weben, sticken: Angelika Francke braucht Platz, um ihre einzigartige Sammlung für textile Techniken zu lagern

Ch. V. Savigny, Hamburg

Fäden werden zu bunten Knoten: Im dem kleinen Ausstellungsraum des Museums für Textile Techniken (MTT) an der Max-Brauer-Allee verweben Kinder rote, grüne und blaue Schnüre aus kräftigem Seglergarn zu neuen Formen. „Man legt zuerst ein Kreuz, dann hält man einen Faden mit dem Finger fest und legt einen anderen darüber“, erklärt Bhanu (9). „Das Ganze vier Mal. Den letzten Faden steckt man untendrunter und zieht zum Schluss alles zusammen!“
Die Herumfriemelei scheint mächtig Spaß zu machen – jedenfalls sind alle Teilnehmer sehr emsig bei der Sache. Und ganz zum Schluss kommt ein individueller Schlüsselanhänger dabei heraus, der sich zum Beispiel als selbstgemachtes Geschenk eignet. „Ich finde es toll, dass Kinder mal nicht immer nur beschäftigt werden, sondern auch selbst mit etwas beschäftigt sind“, sagt Besucherin Cordula Henning. „Das verschafft eine gewisse Befriedigung und stärkt das Selbstbewusstsein.“

Ein Museumsdepot muss demnächst geräumt werden

Vor etwa 16 Jahren hat die ehemalige Lehrerin und Studienrätin Angelika Francke ihr privates Museum gegründet, das sich mit textiler Handwerkskunst beschäftigt. Doch ganz aktuell ist die kleine, liebevoll gemachte Ausstellung in großen Nöten, denn der Fundus platzt – und das kann man ruhig wörtlich nehmen – aus allen Nähten. Das Problem: Eines von insgesamt drei Museumsdepots muss demnächst geräumt werden. „Wenn wir nicht bald etwas finden, müssen wir alles Material, das wir für unsere Kurse brauchen, weggeben“, befürchtet Francke (Kontaktmöglichkeiten siehe Kasten unten rechts).
Die Begeisterung der emsigen Museumsleiterin für alles, was mit Stoffen und Stoffkunst zu tun hat, reicht zurück bis in ihre Studienzeit an der Hamburger Kunstgewerbeschule (heute die Hochschule für bildende Künste): Bei der renommierten Kunsthandwerksmeisterin und Stoffkunst-Koryphäe Therese Hallinger (1909 – 2001) lernte Francke weben und sticken. Sie beschäftigte sich mit historischen und klassischen Mustern wie dem italienischen Kästchenstich oder dem „Teppichstich von Bayeux“. Nach ihrem Uniabschluss unterrichtete sie Kunst und textile Gestaltung an der Schule Rothestraße. Als ihre frühere Lehrerin in Pension ging, hinterließ sie Francke einen Berg an Materialien, Handwerkszeugen und Maschinen. Vieles davon – etwa eine manuelle Rundstrickmaschine und eine fußbetriebene „Prickelmaschine“ zum Sticken von Initialen – kann man heute im MTT besichtigen und sogar ausprobieren.
Franckes Einstieg ins Museumsgeschäft klingt so abenteuerlich und so amüsant, dass man es eigentlich unbedingt erzählen muss – obwohl die Leiterin heute noch besorgt ist, die Schulverantwortlichen könnten nach wie vor auf sie sauer sein: Ganz klammheimlich und Stück für Stück verfrachtete die damalige Rotheschullehrerin die gesamte „Erbschaft“ Hallingers in ein leerstehendes Dachzimmer der Schule – weil sie zuhause einfach keinen Platz mehr hatte („Mein Schlafzimmer war so voll, dass ich mich kaum noch umdrehen konnte!“). Und hängte schließlich einen Zettel mit der Aufschrift „Museumseröffnung“ an die Tür. „Die waren schon ziemlich perplex“, erinnert sich Francke lachend. Aber die Ausstellung fand großes Interesse – und auch der Unterricht in textiler Handarbeit konnte künftig im stilvollen Ambiente orientalischer Haremsstickereien und anspruchsvoller Klöppelspitzen-Entwürfe über die Bühne gehen.

Nur fünf Prozent des Bestands können gezeigt werden

Seit 2013 ist das Museum – auf inzwischen nur noch 64 Quadratmetern – im Kellergeschoss des ehemaligen Altonaer Krankenhauses untergebracht. Ein „Kompaktmuseum“ nennt es Francke. Nur rund fünf Prozent ihres Bestands kann sie überhaupt zeigen, der Rest lagert in Depots – von denen eines bald wegfallen wird. Das MTT ist als Verein organisiert und finanziert sich über Spenden und Mitgliedsbeiträge. Wer vorbeikommen möchte, sollte einen Termin vereinbaren. Neben wechselnden Ausstellungen werden Kurse für Kinder und Erwachsene angeboten.

Museum für textile Techniken
Tel. 38 08 72 09
E-Mail: museumtextiletechniken@gmail.com
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2 Kommentare
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Katja H. Renfert aus Rotherbaum | 12.01.2017 | 18:40  
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Katja H. Renfert aus Rotherbaum | 12.01.2017 | 18:43  
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