Ein Mord, den niemand vergessen kann

Am 27. Juni 2001, einem Donnerstag, hat die Polzei den Tatort an der Schützenstraße abgesperrt. Erst im November 2011 werden die Täter des NSU zufällig entdeckt. Der überlebenden mutmaßlichen Mittäterin Beate Zschäpe wird in München der Prozess gemacht. Foto: ik
 
Ali Tasköprü (r.) hält eine weiße Nelke in Gedenken an seinen Sohn in Händen. Neben ihm (v.l.) Staatsministerin Aydan Özoğuz, Hatice Taşköprü, der Grünen-Bundesvorsitzende Cem Özdemir und Senatorin Barbara Kisseler. Foto: ch
Hamburg: Gedenkstein Süleyman Tasköprü |

Vor 15 Jahren: Neonazis erschießen den Bahrenfelder Gemüsehändler Süleyman Taşköprü. Er ist das dritte Opfer des NSU

Von Christopher von Savigny. Der Wind weht ein paar lose Blätter über den rosaroten, fünfzackigen Stern, der im Bürgersteig in der Schützenstraße eingelassen ist. Wäre da nicht dieses kleine, runde Schwarzweißfoto im Zentrum des Mahnmals – man würde vielleicht achtlos daran vorübergehen. Das Bild zeigt einen freundlich dreinblickenden, jungen Mann mit schwarzen Haaren. Passanten haben zwei Grablichter und ein paar Topfpflanzen aufgestellt, die inzwischen verwildert sind. Auf dem schwarzen Steinbrocken dahinter wurde etwas eingraviert. Leider ist die Inschrift nur schlecht zu entziffern.
Es sind die Namen der zehn Opfer des sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU), die zwischen 2000 und 2007 auf brutale und hinterhältige Weise umgebracht wurden. Der abgebildete Süleyman Taşköprü, Gemüsehändler aus Bahrenfeld, war das dritte Mordopfer.
Rückblick: Vor 15 Jahren, am 27. Juni 2001, sitzen Taşköprü und sein Vater Ali in dessen Gemüsegeschäft in der Schützenstraße 39 beim Kaffeetrinken zusammen. Der Tag beginnt wie jeder andere. Ali geht schnell noch etwas besorgen, ein paar Oliven beim Spanier um die Ecke. Als er eine halbe Stunde später zurück-kehrt, findet er seinen Sohn in einer großen Blutlache vor. Drei Schüsse der Kaliber 3,65 und 7,65 – das ergeben die späteren Ermittlungen – haben Süleyman niedergestreckt. Die Angriffe zielten direkt auf seinen Kopf, einer der Schüsse, so das Ergebnis der Schmauchspurenuntersuchung, war möglicherweise aufgesetzt. Ali kann nichts mehr für seinen Sohn tun, er stirbt in seinen Armen. Süleyman Taşköprü hinterlässt eine Lebensgefährtin und eine zweieinhalbjährige Tochter.

„Das hat Spuren hinterlassen“, sagt Algan

Orts- und Zeitenwechsel: Im Schaufenster des Friseursalons von Behcet Algan in der Bahrenfelder Straße hängt eine vielversprechende Ankündigung: Sollten die Türkei oder Deutschland Europameister werden, gibt's Rabatt auf jeden Haarschnitt. „Das mit der Türkei hat sich ja wohl erledigt“, sagt Fußballfan Algan lächelnd. „Aber Deutschland? Das könnte noch klappen!“ Vor mittlerweile 34 Jahren zog Algan von der türkischen Südküste nach Ottensen. Im Stadtteil ist er heute so etwas wie eine Institution – kaum einer, mit dem er nicht irgendwie bekannt ist. Auch die Familie Taşköprü, damals im Hohenesch – quasi um die Ecke – zu Hause, kennt der 62-Jährige schon seit Ewigkeiten. Zu Beginn der 1980er-Jahre ist Süleyman ein 13-jähriger Schuljunge, der sich bei Algan die sprießende Haarpracht stutzen lässt. „Seine Tochter kommt heute noch zu mir in den Salon“, verrät er.
An den Tag des Mordanschlags kann sich Algan noch deutlich erinnern. „Das hat Spuren hinterlassen“, sagt er. Ausführlich möchte er nicht über das Thema sprechen. „Die Trauer kommt wieder hoch!“ Nur das Leid der Familie geht ihm heute noch nah, die falschen Verdächtigungen der Ermittler, die dem Opfer Verbindungen ins Hamburger Rotlichtmilieu unterstellten. Auch Algan ließ sich durch die damaligen Presseberichte beeinflussen: „Ich weiß noch, wie ich gedacht habe: Und so einem gefährlichen Typen habe ich die Haare geschnitten!“

Seit zwei Jahren gibt es die Taşköprüstraße

Algan ist einer derjenigen, der sich für eine Gedenkstätte einsetzt. Auch ein 300 Meter langes Stück der Kohlentwiete – unweit der Schützenstraße – wurde vor zwei Jahren nach Süleyman Taşköprü benannt. „Ein bisschen Wiedergutmachung für die Familie, nach dem, was da alles in der Zeitung geschrieben worden ist“, sagt Algan.

Vor dem Gedenkstein an der Schützenstraße liegen Blumen

Der Friseurmeister hat selbst Erfahrung mit Fremdenfeindlichkeit gemacht. „Am Anfang gab es Kunden, die gesagt haben: Ich lass mir doch von einem Türken nicht die Haare schneiden“, berichtet er. Die Zeiten seien Gottseidank vorüber. „In den letzten zehn Jahren habe ich nichts Negatives erlebt. Ich habe keine Angst. Es gibt so viele Leute, die auf meiner Seite stehen, auf die ich mich im Ernstfall verlassen kann. In Sachen Integration hat Deutschland meiner Meinung nach einen großen Schritt gemacht.“
Am Gedenkstein in der Schützenstraße werden oft Blumen abgelegt. Die Betreiber des ehemaligen Gemüseladens – heute ein Fahrradgeschäft – wollen aus Respekt vor der Familie nicht über das Thema reden. Die Wirtsleute des benachbarten Weinlokals „Kühne Lage“ schon: „Unsere Gäste fragen uns häufig danach“, sagen sie. „Wir finden es sehr wichtig, dass es solch einen Ort des Erinnerns gibt.“

Familie zu Unrecht verdächtigt

Familie Taşköprü wurde von den Ermittlern wie Verdächtige behandelt. Die Eltern mussten direkt nach dem Tod ihres Kindes ein acht Stunden langes Verhör über sich ergehen lassen. In der Folgezeit wurden 35 Verwandte vernommen, von denen sich einige später von der Familie distanzierten. Diese war finanziell und emotional am Ende.
Hatice und Ali Taşköprü verließen Bahrenfeld, leben heute in Lurup. Dort ziehen sie die Tochter ihres Sohnes groß. Erst zehn Jahre später kam zufällig die Wahrheit ans Licht und entlastete die Familie von den Verdächtigungen, die immer unberechtigt gewesen waren. CH
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