Die vergessenen Toten von Altona

Die Gnadenkirche hat eine für lutherische Kirchen ungewöhnliche Architektur mit runden Formen und Elementen aus der Romanik und Gotik. Foto: Alexander Gerlach
 
Ruhestatt und Ausstellungsraum in St. Joseph: Beinhäuser sind in unseren Breiten eher eine Seltenheit – häufiger findet man sie in Süddeutschland sowie im Mittelmeerraum. Foto: cvs

Tag des offenen Denkmals: Führung durch St. Joseph mit Krypta und Beinhaus

Ch. v. Savigny, Altona
Schädel stapelt sich auf Schädel, Knochen lagert auf Knochen: Der Anblick des wohlsortierten Gebeins jagt einem im ersten Moment einen Schauer über den Rücken – gleichzeitig lässt sich eine gewisse Ästhetik nicht verhehlen. Der Kontrast zur Umgebung könnte jedenfalls kaum größer sein: Unmittelbar an der Großen Freiheit, Hamburgs und St. Paulis Amüsiermeile schlechthin, hat die katholische Kirche St. Joseph Ende 2015 eine Krypta mit Beinhaus eröffnet. Zu sehen ist die Ausstellung allerdings nur im Rahmen von Mittagsgebeten, Führungen, die vom St.-Pauli-Museum organisiert werden, und beim Tag des offenen Denkmals am Sonnabend, 9. September, von 18 bis 20 Uhr. Durch eine dicke Glascheibe hindurch blickt der Besucher in Hunderte leerer Augenhöhlen. Glasvitrinen im Vorraum zeigen wertvolle Grabbeigaben wie Ohrringe, Kruzifixe und Eheringe.
Auch Kuriositäten wie
historischer Zahnersatz aus Nilpferdzahn sind darunter – ebenso Kämme, Bürsten und Schwämme, mit denen man die Toten hergerichtet hatte, und die mit in den Sarg gelegt wurden. „Diese Dinge durften nach dem bestehenden Glauben von den Lebenden nicht wiederverwendet werden“, erläutert Henke. Die Überreste von rund 350 Toten lagern laut Kirchenbüchern unter der St. Josephskirche. Als sie wiederentdeckt wurden, war das eine Sensation. 

Horst Baumann, St. Pauli
Das Bismarck-Denkmal kennt jeder und auch der Michel ist den meisten Hamburgern ein Begriff. Aber auf St. Pauli, in Altona und der Neustadt stehen weitere bedeutsame Bauwerke, die uns an Vergangenes erinnern. Einige öffnen an den Tagen des offenen Denkmals von Freitag, 8. bis Sonntag, 10. September, ausnahmsweise ihre Türen:

- Wasserlichtorgel: Seit der Internationalen Gartenbauausstellung 1973 existiert die Wasserlichtorgel in „Planten un Blomen“. Während einer Vorstellung wird so viel Wasser bewegt, wie eine Stadt mit 500.000 Einwohnern pro Stunde verbraucht. Jeweils zwei Künstler setzen die eigens geschriebene Partitur live um. Am Denkmaltag erfährt man aus erster Hand, wie die Orgel gespielt wird, Treffpunkt ist der weiße Spielerpavillon am Parksee zu Füßen des Café Seeterrassen, sa 14 bis 16 Uhr

- Gnadenkirche:
Die Gnadenkirche wurde 1906/07 von Fernando Lorenzen errichtet. 2004 wurde sie an die Gemeinde der Russisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats übergeben. Tschaikowskyplatz 1, fr 10 bis 15 Uhr, sa 12 bis 16 Uhr, mit Führungen

- Schilleroper: Der einem Zirkuszelt nachempfundene Stahlskelettbau (Rotunde) wurde 1889 bis 1891 für den Circus Busch als fester Winterzirkus errichtet und 1904 zum Theater umgebaut. In den 1950er-Jahren wurde der Bau zwangsversteigert und verfiel langsam. 2012 wurde die Rotunde unter Denkmalschutz gestellt. Die Anwohnerinitiative setzt sich für den Erhalt der Rotunde ein, Bei der Schilleroper, Führung so 13 und 15 Uhr, Treffpunkt Graue Panther, Lerchenstraße 37, Erdgeschoss

- St. Joseph mit Krypta und Beinhaus: Die Kirche St. Joseph auf der Großen Freiheit ist als eine der ältesten nachreformatorischen katholischen Gotteshäuser im Norden ein barockes Kleinod. In der 2015 neueröffneten Krypta ist die mehr als 450-jährige Geschichte der Katholiken von Altona eindrü-cklich dargestellt. Gleichzeitig kann das Beinhaus mit den Gebeinen von circa 350 Menschen besichtigt werden. Große Freiheit 43, sa 18 bis 20 Uhr, mit Führungen

- Barkassenfahrt:
Für Sonntag, 10. September, wurde ein Shuttle-Service zwischen Kanalplatz und Sandtorhöft/Kehrwiederspitze eingerichtet. Abfahrt in Harburg um 12 und 15 Uhr, am Sandtorhöft/Kehrwiederspitze um 10.30, 13.30 und 16.30 Uhr.
Die Barkasse ist etwa 75 Minuten unterwegs. Die einfache Fahrt kostet zehn, Hin- und Rückfahrt 16 Euro, Kinder die Hälfte

- Viktoria-Kaserne:
Vom preußischen Kasernenareal aus Ziegel im Rundbogenstil ist das Mannschaftsgebäude mit zwei Türmen von 1881 bis 1883 erhalten. Ab 1923 war die Kaserne Sitz des Polizeipräsidiums, ab 1933 auch Haftstätte für politische Gefangene. 1977/78 wurde ein Großteil abgerissen. Im erhaltenen Eckbau waren nach 1945 Polizei und Meeresbiologie untergebracht, seit 2010 der Künstlerverein Frappant. 2015 von der fux eG zur Sanierung erworben, entsteht ederzeit in gemeinschaftlich betriebener Ort für Kunst, Kultur, Gestaltung, Gewerbe, Bildung und Soziales. Zeiseweg 9, Ecke Bodenstedtstraße 16, so 12 bis 17 Uhr, Führungen

- Macht und Pracht in St. Pauli:
St. Pauli, über Jahrhunderte außerhalb der Stadtzentren gelegen, verfügt inzwischen über Symbole der Macht, wie Flak-Bunker auf dem Heiligengeistfeld und dem Bismarck-Denkmal. Die wirtschaftliche Macht wird durch den Hafen mit dem St. Pauli-Elbtunnel repräsentiert. Die Macht des Protests hat sich in den einst besetzten Hafenstraßenhäusern manifestiert. Am Ende steht ein Bauwerk der kirchlichen Macht, die St. Pauli-Kirche. Führung: so 13 und 14 Uhr, Dauer circa 90 Minuten. Treffpunkt U-Bahn St. Pauli, Ausgang Heiligengeistfeld

- Wohnblock Schneider Zöllner: Der Wohnblock von Karl Schneider und Karl Zöllner am Bahrenfelder Marktplatz, errichtet 1928/29, wurde 1931 in Leo Adlers Buch „Neuzeitliche Mietshäuser und Siedlungen“ besprochen. Mit den großzügigen Vier- bis Fünf-Zimmer-Wohnungen sprach er eine bürgerliche Klientel an. Die heutigen Eigentümer arbeiten als Gemeinschaft an einer Wiederherstellung des bauzeitlichen Erscheinungsbildes. sa 11 und 12 Uhr Führungen, Treffpunkt Innenhof vor Bahrenfelder Marktplatz 4
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