Die blaue Tür ist weg

Bekannt im Stadtteil: das Haus in der Bleicherstraße mit seiner blauen Tür. Foto: Karin Zickendraht

Bleicherstraße: Historisches Wohnhaus abgerissen – Behörde lehnte Denkmalschutz ab

Von Christopher von Savigny. In seinem Innenhof wuchsen Wein und Oleander, Yogaanhänger waren hier regelmäßig zu Gast, um die Seele baumeln zu lassen. Doch nun ist Schluss mit der Idylle: Vergangene Woche wurde das zweistöckige, rund 150 Jahre alte Wohnhaus in der Bleicherstraße 77 abgerissen. An gleicher Stelle soll jetzt ein fünfstöckiges Gebäude mit zwölf Wohnungen entstehen.

„Die Begründung des Abrisses finde ich unsinnig“, sagt Zickendraht


Gegen den geplanten Abbruch hatten die Grünen im Bezirk Mitte im Vorfeld vehement protestiert – allerdings vergeblich. „Damit wird ein weiteres der wenigen, noch erhaltenen kleinen Häuser auf St. Pauli aus der Mitte des 19. Jahrhunderts der Abrissbirne überantwortet“, klagt Karin Zickendraht, Mitglied der Grünen-Bezirksfraktion. Was die Lokalpolitikerin besonders ärgert: „Das Denkmalschutzamt hat das Gebäude trotz Bemühens der rot-grünen Koalition im Bezirk Mitte nicht unter Schutz gestellt.“
Viele Bewohner St. Paulis kannten das Haus mit seiner auffälligen blauen Tür, das für viele ein Anziehungspunkt war. „Das hatte sowas Malerisches, Heimeliges. Ich habe mich gefreut, dass es solche Häuser im Stadtteil noch gibt!“
Laut Hamburger Leerstandsmelder wurde zumindest das Vorderhaus schon seit Ende 2011 nicht mehr bewohnt. Im Hinterhaus mit seiner pittoresken Fachwerkfassade – dem ehemaligen Stallgebäude – war zuletzt ein Yogastudio ansässig. Dem jahrelangen Leerstand folgte – wie häufig in Hamburg – die Politik der Abrissbirne, die im Viertel dafür sorgte, dass ältere St. Paulianer ihre Nachbarschaft inzwischen nicht mehr wiedererkennen.
Nach Auskunft der Kulturbehörde wurde das Gebäude ausgiebig auf einen möglichen Denkmalwert geprüft, letztmalig im Februar dieses Jahres.
Aufgrund der vielen Umbauten habe man sich dagegen entschieden, es unter Schutz zu stellen: „Die Umbauten betreffen sowohl den Gebäudegrundriss als auch das Entfernen historischer Oberflächen wie Boden-, Wand- und Deckenbekleidungen“, sagt Behördensprecher Enno Isermann. Das Gebäude sei um 1900 sei ein Wohn- und Geschäftshaus gewesen, später kamen weitere Wohnungen hinzu. Zu den weiteren Ablehnungskriterien zählen laut Behörde der Einbau von Dachfenstern und das Aufbringen von Putz. Auch das rückwärtige Hofgebäude sei vielfach verändert worden.
Karin Zickendraht überzeugt die Begründung nicht: „Das finde ich unsinnig! Denn genau dadurch überlebt ein Haus doch so lang – indem es immer umgenutzt und den jeweiligen Bedingungen angepasst wird.“
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