Deutsche mit türkischem Pass

Will mit ihrem Buch die Geschichte einer erfolgreichen Migration erzählen: Nuray Çeşme. Foto: Stahlpress medienbüro
 
Nuray Çeşme: Der Wille versetzt Berge, Verlag Dualedition, 208 Seiten, 15,99 Euro

Nuray Çeşme schrieb ein einfühlsames Buch über ihre Familiengeschichte

Volker Stahl, Hamburg-West

Zwei Herzen schlagen in ihrer Brust – das eine für ihr Geburtsland Türkei, das andere für Deutschland. Hier hat Nuray Çeşme 40 von fast 41 Lebensjahren verbracht – aufgewachsen als Kind einer Gastarbeiterfamilie aus der Kleinstadt Balikesir, die nach dem Geldverdienen im gelobten Land wieder in die Heimat zurück-kehren wollte. Doch daraus wurde nichts. Der Vater starb, die Mutter pendelt heute zwischen beiden Welten, Nuray blieb.
Nuray Çeşme ist eine modisch gekleidete, attraktive Frau mit großen braunen Augen, die viel Wärme ausstrahlen. Die gelernte Buchhalterin hat in der Hamburger City einen gut dotierten Job als Abteilungsleiterin in einer großen Firma, lebt in einer Eigentumswohnung in Lokstedt und düst mit ihrem Cabriolet durch die Stadt.
Aufgewachsen ist sie in einer ganz anderen Welt: in Neumünster. Keine gute Gegend, aber die Wohnungen waren dort günstig. „Alle Türken, die ich damals kannte, hatten ihre Möbel vom Sperrmüll geholt, denn sie wollten Geld sparen und so schnell wie möglich wieder in ihre Heimat zurück“, erzählt Nuray Çeşme.
Zu viert in zwei Zimmern, blanke Glühlampen an der Decke, Duschkabine in der Küche, der alte Kühlschrank surrte wegen Platzmangels im elterlichen Schlafzimmer, und alle Klamotten passten in einen dreitürigen Kleiderschrank. Lebensmittel kaufte die Familie bei Aldi. Das war Nurays Kosmos, zu dem der Teenager nur seiner Busenfreundin Jasemin Zutritt gewährte. Der Grund: „Ich habe mich geschämt.“
Völlig unnötig, wie sich an ihrem 18. Geburtstag herausstellen sollte. „Meine Eltern haben mich gedrängt, alle meine Freunde einzuladen.“ Es war in der Erinnerung ein schöner Tag, sagt Nuray: „Sie bekamen Einblick in unseren Lebensstil, die Mauern zwischen unseren Welten wurden eingerissen.“
Wenn die junge Frau aus ihrem Leben erzählt, fahren ihre Gefühle manchmal Achterbahn. Sie sagt dann Dinge, die „typischen“ Deutschen so nicht über die Lippen kämen, zum Beispiel: „Ich liebe meinen Vater immer noch sehr, obwohl er schon tot ist.“ Nach dem Tod ihres Vaters begann sie, ihr Leben zu überdenken, das bis dahin von Arbeit geprägt war. „Nie ins Kino oder Essen gehen, immer nur sparen. So wie meine Eltern wollte ich nicht leben“, sagt Nuray Çeşme. Sie begann, das Schicksal ihrer Familie aufzuarbeiten, machte sich Notizen. Ermuntert von ihrem Ex-Freund Pascal und den Reaktionen ihrer Freundinnen auf ihre Kurznachrichten („Du schreibst so schön“) verfasste sie ihre Biografie – „die Geschichte einer erfolgreichen Migration, ein hochaktuelles Thema“, wie sie leicht süffisant bemerkt.
Damit spielt sie auf ein Faktum an, das sie, die sich sonst nicht für Politik interessiert, wütend macht: „Man verwehrt mir den deutschen Pass, obwohl ich hier aufgewachsen bin, arbeite, meine Steuern bezahle.“ Es kränke sie, vor die Wahl gestellt zu werden, sich für die deutsche oder türkische Staatsbürgerschaft zu entscheiden. Ihren türkischen Pass abzugeben, kommt für sie nicht infrage – so bleibt sie: eine Deutsche mit türkischem Pass.

Das Buch
Nuray Çeşme: Der Wille versetzt Berge, Verlag Dualedition, 208 Seiten, 15,99 Euro
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