Der freundliche Mann mit dem Hut

Abi Wallenstein in seinem Proberaum Foto: tilman schuppius

Wie der Blues nach Eimsbüttel kam: Ein Porträt von Abi Wallenstein

Tilman Schuppius, Eimsbüttel
Erstmal im Dunkeln tappen, ein paar Stufen mit den Füßen ertasten, schwere Eisentüren schlagen hinter einem zu, und irgendwann geht das Licht an. Ein langer Flur. „Zweite Tür, rechts“, Abi gibt das Kommando. Der Übungsraum im Bunker ist schlicht gehalten, mit weißem Schaumstoff ausgekleidet und kaum größer als ein üblicher Eimsbüttler Dachbodenraum. An der Wand hängen keine Gitarren, es steht kein High-Tech Mischpult `rum, und es gibt hier unten null Handynetz. Das einzige, was auffällt, ist ein Heizlüfter und die Fotos an der Wand. Die Bluesmusiker Ben Walker und Big Joe
Williams sitzen in einer heruntergekommenen Küche, Schwarz-Weiß-Fotos, aufgenommen in Mashulaville, Mississippi, 1978. Die eindrucksvollen Fotos von Axel Küstner sind das einzige Schmuckelement in Abraham Wallensteins Übungsraum.

Morgens um halb Elf hat Abi Wallenstein den Blues


Hierhin zieht sich Abi, der beste Bluesgitarrist aus Hamburg, zurück und arbeitet an seiner Finger-Picking-Technik. Schon um 10.30 Uhr spielt er dann den Blues – wenn er denn in Hamburg ist, nicht der Blues, sondern Abi Wallenstein. Der Terminkalender von Herrn Wallenstein ist nämlich seit Jahren randvoll, es gibt lange Wochenenden an denen er am Freitag in die Schweiz reist, dann nach Polen um am Sonntag wieder einen Auftritt in Trittau zu haben. Auf 100 Auftritte bringt er es im Jahr. In der Altonaer Fabrik bittet er seine Fans regelmäßig im Februar zur „Blues Celebration“. Dann steht er an der Seite der Bühne neben den Mitgliedern seiner Band. In der Mitte sitzt Martin Röttger an den Drums, während Steve Baker links die Blues-Harp spielt. Warum er nicht wie Rockgitarristen im Mittelpunkt steht hat einen Grund: „Auf der Bühne muss ich auch Dirigent sein. Wenn ich an der Seite stehe, gucken sie auf meine Hände und wissen, welche Tonart und welcher Song laufen wird. Das ist viel einfacher als alles vorher abzusprechen – Blues ist Kommunikation“.
Abraham Wallenstein macht das schon lange so, aber eigentlich sollte das nicht so sein.
Förster sollte er werden oder etwas anderes, Bodenständiges lernen. „Mein Vater meinte, ich müsste irgendwas mit den Händen machen“. Mit dem Beruf im Wald wurde es nichts. Wallenstein wurde Siebdrucker, bedruckte Werbeplakate und Badekappen, zehn Jahre lang – und spielte in jeder freien Minute Gitarre.
Ohne seine Mutter wäre es zu dieser Leidenschaft wahrscheinlich nicht gekommen. Im Alter von zwölf Jahren schleppte Judith Wallenstein den pubertierenden Sohn ins Kino, „The Tommy Steele Story“, der Film über den Rock & Roller Tommy Steele, war der Auslöser. Die
erste Gitarre ein Geschenk zum Geburtstag. Mit dieser Gitarre kopierte der junge Wallenstein seine Vorbilder: Lead Belly, J.B. Lenoir und eben Big Joe Williams. Spielte seine Musik auf der Straße und wurde erfolgreich.
Seit 1965 lebt der mittlerweile 72-jährige nun in Hamburg. Über Wandsbek, St. Pauli und Altona hat sich Abi Wallenstein bis nach Eimsbüttel durchgewohnt und ist hier seit fast 20 Jahren zuhause.
Am Sonntag, 17. Dezember, hat er es nicht weit zu seinem Auftritt um 19 Uhr im Gemeindesaal der Christuskirche. Wenn ihm die Eimsbütteler zuhören, könnten sie auf die Idee kommen, er bräuchte nicht zu üben, weil er seine Bewegungen auf der Bühne und den Blues auf das Wesentliche reduzieren kann wie kaum ein anderer. Von den vielen Vormittagen im kleinen Übungsraum in der Nachbarschaft ahnen sie nichts.

❱❱ Christmas Boogie Abi Wallenstein mit Matthias Schlechter und Alex Kiausch, Sonntag, 17. Dezember, 19 Uhr, Gemeindesaal der
Christuskirche Eimsbüttel,
Bei der Christuskirche 2.
Der Eintritt ist frei, Spenden sind erwünscht

Abi Wallenstein
Am 8. Dezember feierte „Hamburgs Mr. Blues“ seinen 72. Geburtstag. Geboren wurde Abraham Wallenstein in Jerusalem. Seine Eltern waren vor den Nazis nach Palästina geflohen. Als die Familie Ende der 1950er-Jahre in die Bundesrepublik zog, konnte ihr Sohn kaum Deutsch. Der Vater arbeitete als Arzt in Düsseldorf. Auch nach über 50 Jahren in Hamburg klingt Abi Wallensteins Stimme daher ein wenig nach dem dortigen rheinischen Singsang.Wallenstein gewann im Juli den „German Blues Award 217“ in der Rubrik Solo-Duo. Die Laudatio hielt Inga Rumpf: „Er schon wieder – und wieder einmal völlig zu recht! Kein anderer erfreut und begeistert die deutsche und internationale Blues-Szene seit Jahrzehnten wie er“, sagte sie

❱❱ www.abiwallenstein.de
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1 Kommentar
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Kai Dirksen aus Eimsbüttel | 15.12.2017 | 08:49  
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