Das Ende des Chinesenviertels

Etwa 1912: Chinesische Heizer vor der Polizeikamera. Foto: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz

1944 wurden 129 Chinesen in der Schmuckstraße deportiert – heute erinnert eine Gedenktafel an ihr Schicksal

Chr. v. Savigny, St. Pauli

St. Pauli 1920. Als billige Arbeitskräfte waren viele Chinesen als Heizer auf Dampfschiffen unterwegs gewesen, in Hamburg – und insbesondere in der Schmuckstraße – suchten sie ihr Glück als Wäscher, Tabakverkäufer oder als Gastwirt. Weil China ein wichtiger Handelspartner war, hieß man die Männer aus Fernost zunächst willkommen.
Chinesische Kultur galt als schick: Im „Chop Shuy“ konnte man Ragout mit Rind, Bambus und Pilzen für 1,50 Reichsmark essen (heute etwa sechs Euro), abends ging's ins Kabarett „Neu-China“ oder ins Ballhaus „Cheong Shing“ in der Großen Freiheit. Doch mit dem Kriegseintritt Chinas 1941 änderte sich die Lage.
Gerüchte von „Opiumhöhlen“ und von selbst gegrabenen Kellerlabyrinthen machten die Runde. Eine Mär, die Historiker übrigens später widerlegten. Man bezichtigte die Zuwanderer des Drogenhandels, Zeitungen warnten vor der „gelben Gefahr“.
Ein großer Teil der bei der „Chinesenaktion“ am 13. Mai 1944 Festgenommenen landete im Wilhelmsburger Arbeitslager „Langer Morgen“, wo sie im Betonwerk oder in der Erdölraffinerie schuften mussten. Knapp 20 Chinesen starben an Hunger, Kälte und Erschöpfung.
Weil die Chinesenaktion von deutschen Gerichten später als „normaler Polizeieinsatz ohne rassistischen Hintergrund“ bewertet wurde, erhielten die Opfer noch nicht einmal eine Entschädigung.
Von den alten Häusern in der Schmuckstraße stehen nur noch zwei – die Kellereingänge sind nach wie vor gut zu erkennen. 2012 ließ das St.-Pauli-Archiv die Gedenktafel erneuern, die an das Schicksal von Hamburgs Chinesen erinnert. Diese Tafel steht nicht wie irrtümlich in der vergangenen Woche im Bericht über die Dreharbeiten zum ersten Spielfilm über das Chinesenviertel beschrieben, in der Hein-Hoyer-Straße sondern in der Schmuckstraße.
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