Vom Ballmädchen zur Nationalspielerin

Sonst nicht so ihr Ding: Radzuweit war in dieser Saison emotionale Führungsspielerin. Foto: hans kall
 
Saskia Radzuweit vom VT Hamburg beim Schmetterball gegen ihren früheren Klub Köpenicker SC.
 
Konzentriert bei der Ballannahme: Außenangreiferin Saskia Radzuweit. Foto: hans kall

Saskia Radzuweit ist eine der wenigen Erstliga-Volleyballerinnen,
die beim neugeschaffenen VT Hamburg weiter spielen. Die 25-Jährige hat jetzt andere berufliche Pläne

Chris Köslin, Neugraben

Es ist keineswegs die Rolle, nach der sich Saskia Radzuweit in ihren 13 aktiven Volleyball-Jahren am meisten gesehnt hätte. Aber in der 2. Bundesliga hat es in dieser Saison immer wieder Szenen gegeben, die die Zuschauer in der CU-Arena in Neugraben von den Sitzen rissen. Saskia Radzuweit, energisch, entschlossen, die Antreiberin, die jeden Punkt lautstark feiert. Und die mit ihrem Enthusiasmus das Hamburger Volleyball-Team mitreißt.

Der Leistungssport rückt in den Hintergrund

Dabei war die inzwischen 25-Jährige nie eine, die sich nach vorne und ins Rampenlicht drängte. „Für meinen Ehrgeiz war das Schulterklopfen, das Lob und die Anerkennung der anderen nie das Wichtigste“, sagt Saskia Radzuweit, mit Nina Braack die einzige im Team, die aus der 1. Bundesliga geblieben beziehungsweise zurückgekehrt ist. „Für mich wollte ich besser werden. Dafür habe ich hart gearbeitet, als Kind schon war ich für meinen Ehrgeiz selbst der Maßstab“, sagt sie.
„Und waren Sie gnadenlos mit sich?“ Saskia Radzuweit lacht, denkt zurück und nickt: „Ja, irgendwie schon. Von mir selbst habe ich immer viel verlangt.“
Wir sitzen bei einem Kaffee und einer Apfelschorle im „Schweinske“ in Neugraben. Sie trägt Jeans, über den Knien modisch zerrissen, dazu ein schwarzes T-Shirt, drapiert mit einem bunten Schal. Sie hatte sich etwas verspätet zwischen der Vorbereitung auf die Prüfung als Groß- und Einzelhandelskauffrau und dem abendlichen Training. Eine junge Frau am Scheideweg. Der Sport, in dem Saskia Radzuweit Großartiges leistete, wird allmählich in den Hintergrund treten. Sie wird erste berufliche Pläne angehen.
Jetzt, beim Rückblick auf ihre außergewöhnliche Volleyball-Karriere, wird noch einmal deutlich, Saskia Radzuweit ist gemeinsam mit Natalia Cukseeva, deren Mutter Marina Trainerin war, das einzige Talent, das sich mit seinem Heimatverein entwickelt hat und bekannt geworden ist.
Wobei, Talent für Volleyball zählt bei den Radzuweits zum genetischen Erbe. „Meine Eltern haben sich beim Volleyball kennengelernt“, erzählt die junge Frau, die in einer kleinen Wohnung lebt. „Und Mark, mein drei Jahre älterer Bruder, spielt in der zweiten Mannschaft des TSV Buxtehude-Altkloster in der Landesliga.“
Obwohl Volleyball das Spiel ihrer Familie ist, probierte es das bewegungsfreudige Mädchen mit Ballett, mit Geräteturnen, auch mit der Leichtathletik und dem Voltigieren. Und im Kirchen-Orchester hat sie Trompete geblasen. Aber als die Damen des TV Fischbek in die Bundesliga hoch rückten, war „Sassi“ als Ballmädchen in der Halle Neumoorstück im Einsatz. Als 13-Jährige hatte sie beim Nachwuchs des Vereins eine Gemeinschaft gefunden, in der sie sich wohl und schnell auch anerkannt fühlte.
Zwei Jahre später schon wurde das große und athletische Mädchen in die Hamburger Auswahl berufen. Und sie war gerade mal 16 und in der elften Klasse, als sie mit den Eltern ihren ersten Vertrag unterschrieb. „Ein schönes Taschengeld war das für mich“, erzählt sie. Dafür aber musste sie morgens um sieben Uhr aus dem Haus, fuhr mit der Bahn auf das Sportgymnasium zum Alten Teichweg nach Wandsbek, trainierte täglich und war erst gegen 23.30 Uhr wieder zu Hause.
Zwei Jahre bis zum Abitur hat sie das durchgestanden. Aber gelohnt hat es sich schon. Saskia Radzuweit war 16, als sie das erste Mal zur Jugend-Nationalmannschaft eingeladen wurde. Und sie war 17, als sie bei der Junioren-Europameisterschaft in Italien für Deutschland kämpfte.
„Oh Gott“, sagt sie jetzt und muss lachen, „ich kann mich nicht einmal an die Stadt erinnern, in der die EM ausgetragen wurde. Aber so eine Europameisterschaft, das war schon cool. Daran denke ich gerne zurück. Auch, weil meine Eltern mit in Italien waren.“ Sie saßen natürlich auf der Tribüne, als die Tochter ihren ersten Auftritt in der 1. Bundesliga hatte – mit 17 Jahren als die Jüngste im Team.
„Spiele Volleyball, so lange du willst, und trainiere so viel, wie du magst. Diese Freiheit haben Mama und Papa mir immer gelassen“, bekräftigt die Führungskraft des VT Hamburg in der 2. Bundesliga. Und zählt dann auf, zu was das „so viel du magst“ in der Ersten Bundesliga und mit den Erwartungen des großen Sponsors Aurubis führen kann. „Unter Jean-Pierre Staelens, unserem belgischen Coach, haben wir morgens drei Stunden trainieren müssen und abends noch einmal vier. Danach war man oft froh, wenn man überhaupt noch nach Hause laufen konnte.“
Die Spielerinnen der VT Aurubis waren Vollprofis, manche studierten nebenbei. Und Saskia Radzuweit war 20 Jahre alt, als sie zum Lehrgang der Damen-Nationalmannschaft eingeladen wurde. Den Adler auf dem Trikot, das wäre der entscheidende Aufstieg in den kleinen Kreis der Auserlesenen gewesen, die auch mit Pritschen und Baggern richtig Kohle machen. Allerdings kaum in Deutschland. Satte Gehälter auch für Frauen werden in Italien, Russland, in Aserbaidschan, Thailand und Japan auf die Konten überwiesen.
Für Saskia Radzuweit war es nicht das Geld, das sie in der Saison 2013/14 zum Köpenicker SC nach Berlin lockte. „In Hamburg ging es für mich ja nicht mehr weiter“, erläutert sie. „Zeit also, etwas Neues zu wagen. Mir haben die zwei Jahre in Berlin sehr gut getan, sportlich, aber auch persönlich. Ich bin offener geworden, habe durch meinen Sport viele Kontakte, auch raus in die Welt, geknüpft. Und ohne Volleyball und den Profisport wäre ich nicht so selbstbewusst. Selbst jetzt, in der Ausbildung, merke ich schon, wie mir das im Beruf weiterhilft.“
Wie wird es am Wendepunkt ihres jungen Lebens nun weiter gehen? „Das ist noch offen“, gibt sich Saskia Radzuweit nachdenklich zurückhaltend. „Ich habe Pläne, bisher nur im Kopf. Mal schauen, wie sie sich verwirklichen lassen.“ Ob Volleyball, die Leidenschaft ihrer Familie, darin eingebunden ist, lässt die junge Dame offen.
Am heutigen Sonnabend, 8. April, wird die erfahrene Volleyballerin mit dem VT Hamburg noch einmal in der CU-Arena auflaufen, wenn es um 17 Uhr im letzten Heimspiel gegen den Zweitliga-Tabellenführer DSHA Snow Tex Köln geht. Zum
Saisonende reisen die Hamburgerinnen am 22. April zu den Skurios Volleys Borken (19 Uhr). VT Hamburg rangiert auf Rang acht im Mittelfeld.

VT Hamburg
Vor einem Jahr zog sich das Volleyballteam Aurubis aus der Ersten Liga zurück. Der langjährige Hauptsponsor hatte sein Engagement zurückgefahren, es fehlte das Geld, um weiter mitmischen zu können. In der gerade zuende gehenden Saison liefen die Frauen unter dem Namen „Volleyball Team Hamburg“ in der Zweiten Liga auf. Selbst der Neustart in der Zweiten Liga war lange Zeit fraglich. Die erforderlichen 170.000 Euro kamen letztlich nur dank einer 50.000 Euro-Spende von Geschäftsführer Volker Stuhrmann zusammen. Um an der Spitze mitzuspielen, wäre ein Etat von gut 250.000 Euro nötig. OZ
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1 Kommentar
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Wolfgang Kühn aus Neugraben | 08.04.2017 | 20:34  
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