„Leben wie im Urwald“

Tarik Evren schaut in die Röhre. Wochenlang war seine Familie ohne Strom. Erkannt werden möchte er nicht. (Foto: Andreas Tsilis)

Familie Evren war unverschuldet wochenlang ohne Strom

Andreas Tsilis, Harburg - Manch einer fährt in die Wildnis, um der Zivilisation zu entfliehen. Familie Evren (richtiger Name der Redaktion bekannt) muss gar nicht erst wegfahren. Sie lebt zu Hause unfreiwillig wie in der Wildnis. Energieversorger Vattenfall hatte der Heimfelder Familie am 1. Juli kurzerhand den Saft abgedreht. Kochen, duschen, telefonieren, fernsehen – nichts ging mehr. „Wir leben wie im Urwald“, sagt Tarik Evren fassungslos. Aufgrund der lebensfeindlichen Umstände musste er sogar den Fastenmonat Ramadan unterbrechen.
Alles fing harmlos an. Evren dachte, der Kühlschrank sei kaputt, bis er eine Postkarte von Stromnetz Hamburg im Briefkasten fand. Dort stand in dürren Worten: „Bei Fragen zur Sperrung der Anlage wenden Sie sich bitte an ihren Stromlieferanten“. Keine Telefonnummer, keine Unterschrift und keine Chance, das drohende Unheil abzuwenden.
Am Handy erfuhr er durch einen Vattenfall-Mitarbeiter, dass Stromrechnungen in Höhe von 231 Euro nicht beglichen worden sein sollen. Seine Recherche ergab, dass sein neuer Arbeitgeber den Lohn nicht vollständig überwiesen hatte. Evren beglich sofort die Forderung per Bareinzahlung, inklusive der Kosten des Stromabschaltens. Dafür wurde ihm durch Vattenfall zugesichert, so Evren, „dass ab morgen wieder Strom da ist“.
Klappte nicht. Die Familie tappt weiter im Dunkeln. „Zigmal rief ich an, zigmal erzählte ich verschiedenen Mitarbeitern meine Geschichte“, erzürnt sich Tarik Evren. Bei einem seiner letzten Anrufe wurde ihm nun Strom ab dieser Woche versprochen. Aufrund der Umstände hat Evren aber den Glauben daran verloren und sich notdürftig auf die Situation eingestellt.
Er nahm Urlaub. Das Essen für die Familie kommt vom Imbiss, Strom fürs Handy liefert ein Nachbar. Für die Harburger Bürgerschaftsabgeordnete Sabine Böddinghaus (Linke) ist das Absperren des Stroms ein Unding. Die Versorgung mit Energie sei „ein Grundrecht für jeden Einzelnen“, so Böddinghaus.
Bei Vattenfall, wo damit geworben wird, „die Gesellschaft mit Energie für einen hohen Lebensstandard versorgen zu können“, war man zu keiner Stellungnahme bereit. Kurz vor Redaktionsschluss löste der Stromkonzern bei Familie Evren dann doch noch sein Werbeversprechen ein. „Strom ist endlich wieder da“, sagt Familienvater Evren.

Hintergrund-Infos:
Mehr als 6.000 Hamburger Haushalten wurde im Zeitraum Juli 2014 bis März 2015 der Strom abgestellt. An bis zu ein Viertel aller Haushalte wurden vom Hamburger Stromgrundversorger, der Vattenfall Europe Sales GmbH, Mahnschreiben verschickt. Das geht aus der Antwort des Senats auf eine Schriftliche Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE in der Hamburgischen Bürgerschaft (Drs. 21/871) hervor.
Wie die Zahl der Stromsperren nehmen auch die der Wasser- und Gasabsperrungen nicht ab: Im gleichen Zeitraum wurde insgesamt 269 Haushalten das Gas und 550 Haushalten das Wasser abgedreht – bei einem Zehntel davon sogar mehrmals. ATS
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1 Kommentar
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Hans Koolmann aus Altona | 21.07.2015 | 15:56  
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