Dachs Jan hält sein Idealgewicht

Trickreich: Die beiden Tierpflegerinnen Hannah Spierling (li.) und Anna Katinka Petersen locken den Dachs Jan mit Leckereien auf die Waage. Foto: sl
 
Schwierig: Tierpfleger Bastian Pulst will die Länge dieser Äskulapnatter messen.
Rosengarten: Wildpark Schwarze Berge |

Messen, wiegen, zählen: Inventur im Wildpark Schwarze Berge.

Von Sabine Langner. So schnell wie Jan aus seinem Bau kommt, kann kein Mensch gucken. Während seine Gefährtin Ebba ihren Winterschlaf nur einmal am Tag unterbricht, ist der quirlige Dachs hellwach und stürmt auf Tierpflegerin Anna Katinka Petersen zu. Die junge Frau mit der Mütze hat einen Eimer mit Weintrauben, Paprika, Hühnerbeinen, Kartoffeln, Äpfeln und kleinen Rindfleischstücken dabei. Ohne es zu merken ist Jan auf die Waage gestiegen, die Hannah Spierling mitgebracht hat und schnappt mit der Schnauze nach dem Futter.
Für viele Betriebe steht einmal im Jahr eine Inventur auf dem Programm, im Wildpark Schwarze Berge ist es ähnlich. Rund 1.000 Tiere, die im Wildpark in rund 50 Gehegen leben, werden erfasst, allerdings nicht zu einem vorher festgelegten Termin. „Wir würden ja das ganze Jahr falsch füttern, wenn wir nur an einem bestimmten Tag unsere Tiere genauer untersuchen würden“, sagt Tierparkchef Arne Vaubel. Stattdessen werden die Tiere das ganze Jahr genau beobachtet.
Doch am Messen, Wiegen und Zählen kommen auch die meisten Tiere im Wildpark nicht vorbei: Bei Jan hat Tierpflegerin Spierling zwölf Kilo notiert: Idealgewicht für sein Alter von siebeneinhalb Jahren. So leicht wie der Dachs lassen sich allerdings nur wenige Bewohner des Wildparks auf die Waage locken. „Jan wurde mit der Flasche aufgezogen, deshalb ist er an Menschen gewöhnt und hat auch einen Namen“, so Petersen.
Niemand käme allerdings auf die Idee, die Wölfe oder Braunbären wegen einer schnöden Inventur zu wiegen. „Dafür müsste man sie schon narkotisieren“, so Arne Vaubel. „Ganz unnötiger Stress für die Tiere. Da verlassen wir uns auf den Gesamteindruck. Fressen sie? Sieht das Fell gut aus? Bewegen sie sich? Wenn eines der Tiere auffällig wird, holen wir den Tierarzt.“ Doch das ist im Bärengehege im Moment nicht nötig. Putzmunter und völlig unbeeindruckt von den sibirischen Temperaturen streifen die Tiere umher und lassen sich durch einen Blick ins Gehege zählen. Wer dann nicht sofort für den Tierpfleger zu erkennen ist, wird mit einem Futtereimer gelockt.
Ganz prima funktioniert das bei den Hängebauchschweinen. Die ersten kommen schon grunzend angewackelt, als sie Sven Eisenach mit dem Futter-eimer in der Hand entdecken. Ein kurzes Klackern des Fressens im Eimer und ein paar Rufe locken auch die Nachzügler an. Noch zählt Eisenach 34 Schweine. In ein paar Wochen wird sich die Herde vergrößern, wenn im Mai die ersten Jungtiere auf die Welt kommen.
Damit die Hängebauchschwein-Bevölkerung in Ehestorf nicht explodiert, werden immer mal wieder Tiere an Privatpersonen, teilweise aber auch an andere Tierparks, verkauft.
Bei einigen Tierarten geht der Tierpark-Chef den umgekehrten Weg. Momentan ist Vaubel auf der Suche nach einer Kreuzotter und einer Ringelnatter. „Die sind schwer zu bekommen, weil die kaum jemand züchtet“, sagt er bedauernd.
Die Schlangenpopulation im Wildpark ist überschaubar: drei Äskulapnattern, vier Hornottern und eine Aspis-Viper. Sie alle könnten eigentlich draußen überwintern, weil sie in Europa heimisch sind. Wenn die Temperaturen sinken, fallen die Schlangen in eine Winterstarre. Dann sind sie allerdings auch so komplett wehrlos, dass in der Vergangenheit mal eine Schlange von einer Maus angeknabbert wurde. „Die Bissstelle hat sich entzündet und wir mussten der Schlange einen Teil vom Schwanz amputieren“, berichtet Sarah Klindworth, Pressesprecherin des Wildparks. Nach diesem Vorfall kommen die Schlangen jetzt in ein beheiztes Winterquartier.
Diese Tiere zu wiegen und zu zählen, ist einfach, sie zu messen nicht. Genervt von der Störung ringelt sich die Äskulapnatter um die Hand von Bastian Pulst. Erst als er den Kopf festhält und Kollegin Hannah Spierling den Rest der Schlange übernimmt, können sie ein Seil anlegen und feststellen, dass das 16 Jahre alte Reptil 1,60 Meter lang ist. „Sie hat sich gut entwickelt, stellt Bastian Pulst zufrieden fest. „Schlangen können bis zu 30 Jahre alt werden und wachsen ihr ganzes Leben lang weiter, wenn die Bedingungen stimmen.“
Draußen im Wildpark ist gerade ein Fernsehteam des NDR auf den zutraulichen Jan aufmerksam geworden. Der Dachs lässt sich ohne Probleme filmen, bis der Toningenieur sein Puschel-Mikrofon mit einem Teleskop-Stiel ausfährt. Jan lässt den Fresseimer Fresseimer sein und flitzt in seinen Bau. Die Fernsehmenschen rätseln, was das Mikrofon für Jan darstellt. „Für einen Dachs könnte der Puschel ein Geier sein“, mutmaßt einer. So bleibt dem Tier wenigstens noch ein Geheimnis nach der Inventur im Wildpark.
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