Chefreporterin im Computer-Club

Karin von Faber im Nostalgie-Café in Helmstorf. Foto: hans kall
 
Im Gespräch mit Muhamed Ali.
 
Karin von Faber und Karl Heinz Hollmann moderierten in den 1960er-Jahren die „Aktuelle Schaubude“.

Nach ihrer beispiellosen Journalistenkarriere ist
Karin von Faber neugierig geblieben und lernt dazu

Chris Köslin, Seevetal

Man kann sich weit zurücklehnen - auch in der Zeit - auf dem Loriot-Sofa aus dem letzten Jahrhundert. Oder in der Engelchen-Ecke flüsternd die Köpfe zusammenstecken – nicht nur, aber doch auch für Verliebte. Das Nostalgie-Café in Seevetal, genauer beschrieben in Helmstorf, ist eine Oase für kleine Fluchten zurück in die Gelassenheit und Gemütlichkeit längst vergangener Jahre. Die drei älteren Herren aber, die am großen Tisch zusammengerückt sind, haben ihren Kaffee in 100 Jahre alte Tassen und ihre Teller mit der viel gelobten Buchweizentorte zur Seite geschoben. Platz für den Laptop gemacht, der ihre Aufmerksamkeit auf sich zieht. Denn die Drei sind Vorstandsmitglieder des „Senioren-Computer-Clubs Seevetal“. Und sie haben ein Problem..
„Jeden Mittwoch um 17 Uhr können Sie chillen beim Klönschnack im Nostalgie-Café unseres 2. Vorsitzenden Winfried Meyer“, werben die Computer-Senioren für ihre Beratungsstunde. „Der backt nicht nur Superkuchen – hier kann man sich auch Informationen abfischen, auf die man schon länger scharf war.“
Karin von Faber-Hirschmann, die mit solchen Pressetexten für die 90 Mitglieder große Gemeinschaft der IT-Dauerlehrlinge im Rentenalter wirbt, hat es sich in der Ecke neben dem Radio bequem gemacht. Das Gerät ist ein Saba, Baujahr 1945. Mit dem Lied, das daraus ins Nostalgie-Café weht, werden besondere Erinnerungen lebendig. „Der Hafen, die Lichter, die Sehnsucht begleitet das Schiff in die Ferne hinaus.“ Hans Albers und sein „Herz von St. Pauli“. Karin von Faber summt leise mit und ihre Gedanken eilen weit zurück, zu den Dreharbeiten des Kinofilms în Wandsbek, das Studio Hamburg hieß damals noch Real-Film. Carl Zuckmayers genialer Protest gegen das Obrigkeitsdenken, der „Hauptmann von Köpenick“ war mit Heinz Rühmann in der Titelrolle, gerade abgedreht und verzeichnete die ersten Kino-Rekorde.
Karin von Faber war 16 damals, oder schon 17, als sie in dem Hans-Albers-Film die Geliebte von Hans-Jörg Felmy spielte. „Das Herz von St. Pauli, das ruft dich zurück ...“, wird Hans Albers, der zwei Flaschen Cognac täglich gewachsen war, im Radio lauter „... denn dort an der Elbe, da wartet dein Glück.“
Bei der Real-Film allerdings hat das Glück nicht auf das hoffnungsvolle Filmsternchen gewartet. Es zeigte sich ausgesprochen zynisch gegenüber der Vielbegabten. Die junge Karin saß in Hamburg unter der Haube und die Friseuse drängelte, wie das mit Hans Albers und dem Film denn so sei? „Im Grunde ist das Herz von St. Pauli ein mieser Plot“, lautete das strenge Urteil der 16-Jährigen. Klatsch – das war’s. Die anspruchsvolle Göre aus Berlin hatte übersehen, das unter der Haube neben ihr die Frau des Produzenten saß. „Beim Film habe ich nie wieder eine Chance bekommen“, sagt die Pressereferentin des Senioren-Computer-Clubs mit einem nachsichtig milden Lächeln nach all den Jahren.
Mit 20 war sie beim WDR die jüngste Fernsehansagerin
Ihre Chancen im Leben hat Karin von Faber aber doch bekommen. Und wie sie sie genutzt hat, das ist eine der ungewöhnlichsten und sicher auch eine der bewundernswertesten Berufskarrieren, wie sie vielleicht nur im Nachkriegsdeutschland möglich waren.
Karin von Fabers Mutter war Schauspielerin und Schauspiel-Lehrerin in Berlin. Der Vater war Journalist. Für die Tochter hat beides gepasst.
Als 13-Jährige schon füllte Karin beim „Tagesspiegel“ wöchentlich ihre Seite für Kinder. Im Berliner Theater am Ku’damm stand sie auf der Bühne, Regie Professor Oscar Fritz Schuh. Als sie mit 20 Jahren beim WDR in Köln Deutschlands jüngste Fernsehansagerin wurde, spielte sie auch im Theater am Dom und am Kölner Schauspielhaus, wieder unter Oscar Fritz Schuh. Die „Aktuelle Schaubude“, die der NDR Anfang der 1960er-Jahre aus dem Autohaus „Opel Dello“ gegenüber der Staatsoper live ausstrahlte, hat Karin von Faber und ihren Moderatoren-Partner Carlheinz Hollmann in Hamburg populär und beliebt gemacht.
Schon damals, und auch als sie für die ZDF-Reihe „Schaufenster Deutschland“ die Stars vor der Kamera interviewte, hatte sie als Chefreporterin der Fernsehzeitschrift „Hör zu“ den beruflichen Mittelpunkt ihres Lebens gefunden. Es lohnt nicht zu fragen, wen Karin von Faber in ihren 38 Schreiberjahren für Deutschlands führende Fernsehzeitschrift portraitierte und interviewte. Wen nicht, das ließe sich wohl in nur zwei, drei Sätzen aufzählen. Schauspieler Sean Connery lud sie in sein Haus in Marbella, Indira Ghandi in ihre Residenz in New Delhi, wo sie später im Garten von aufständischen Sikhs ermordet worden ist.
Muhamed Ali empfing die Hörzu-Reporterin mehrmals. „Das waren noch tolle Zeiten für den Journalismus. Auch die großen Hollywood-Stars nahmen sich stundenlang Zeit für die Gespräche. Vor allem waren sie viel ehrlicher als heute und sie haben ihre Seelen geöffnet.“
„Diese Fließband-Statements finde ich im Grunde ekelhaft“
Den großen Pianisten Arthur Rubinstein hat Karin von Faber gefragt, ob er eine Beziehung zum Tod habe? „Ich hatte sie immer. Ich erinnere mich an einen Tag meines Lebens, da war ich 22, in Berlin, ohne Geld, ohne Liebe. Ich war so verzweifelt, dass ich mich aufhängen wollte. Also nahm ich den Gürtel meines Schlafrocks, band ihn mir um den Hals, befestigte die Schlinge an einem Haken unter der Decke und stieß den Hocker unter meinen Füßen weg. Aber der Frotteegürtel riss. Ich fiel auf den Boden, lachte und weinte. Ich fand, dass ich ein großer Idiot war, dass trotz allem alles doch so wunderbar war im Leben.“
Arthur Rubinstein hatte sich sechs Stunden Zeit für das Gespräch genommen. Curd Jürgens legte gleich sein sündhaft-faszinierendes Herz auf den Tisch seiner Villa im Salzburgischen: „Als der liebe Gott die Schamhaftigkeit verteilte, muss er mich vergessen haben. Sex ist für mich wie eine erlesene Speise. Darüber zu reden, verdoppelt den Genuss.“
Ist er sich klar, dass er oft die Grenzen des guten Geschmacks überschreitet, jedenfalls in seiner Autobiographie? „Ich hasse Geschmack. Das ist der Tod jeder schöpferischen Idee, das Widerlichste, was es gibt, die Spießbürgerlichkeit par excellence. Als ich in diesem Buch mein Leben beschrieb, da hatte ich verdammt noch mal die Pflicht, Bekenntnis abzulegen. Kann man das mit gutem Geschmack?“
Der Schauspieler spielt einen Schauspieler. Wann er Kopie, wann Original ist, weiß er selbst nicht mehr.
Wenn die großen Stars heute ihren Film oder auch ihr Buch promoten, bekommt jeder Journalist eine Viertelstunde oder höchstens 20 Minuten für, bitte schön, eher freundliche Fragen. „Diese Fließband-Statements, die finde ich im Grunde ekelhaft“, sagt Karin von Faber.
Wenn man da an den großen weisen Peter Ustinov denkt. Der wagt den Vergleich zwischen Alten und Jungen. „Kinder sind – ebenso wie alte Leute – lebendiger als Erwachsene. Da gibt es eine Komplizenschaft: Den Rätseln von Leben und Tod sind Junge und Alte viel näher als wir. Wenn Kinder unmögliche Fragen stellen, sagen die Erwachsenen: Stell nicht eine so dumme Frage. Aber meistens ist die Frage gar nicht dumm. Die Eltern wissen nur keine Antwort. Und nur die Alten würden wissen, dass es darauf gar keine Antwort gibt.“
Und die Senioren, irgendwo zwischen Kindheit und Greisenalter, wissen sie eine Antwort?
Ach ja, jedenfalls macht es Karin von Faber noch Freude, Ankündigungen für ihren Senioren-Computer-Club zu formulieren, zu dessen Informations- und Lernstunden Frauen und Männer aus dem Landkreis und auch aus Harburg und Wilhelmsburg zusammen finden. „Ordnung ist das falsche Codewort für mein Leben“, erzählt die Journalistin mit der großen Vergangenheit. „Aber neugierig bin ich geblieben und es ärgert mich, wenn ich etwas nicht beherrsche. Face the Facts: Mein Smartphone macht überhaupt nicht, was ich will. Noch immer nicht. Aber das kriegen wir auch noch hin – mit unserem Lehrmeister im Computer-Club.“
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