„Wir waren das dunkle Herz der Stadt“ – Ein Blick aus den Gängevierteln

(Foto: Nasner)
 
(Foto: Nasner)

Maler und Hörbuchautor Andreas Karmers plant einen Dokumentarfilm über die ehemaligen Hamburger Gängeviertel aus der Sicht der damaligen Bewohner. Ein Herzblut-Projekt, das sich über Crowdfunding finanzieren soll.

Ein Stück Hamburger Geschichte, dessen Größe und Bedeutung heute fast in Vergessenheit geraten ist, einfach weil es fast gänzlich aus dem Gesicht der Stadt verschwunden ist. Die Rede ist von den Gängevierteln, die einst weite Teile der Alt –und Neustadt Hamburgs umfassten. Die verwinkelten Gassen, schmalen Straßen und dicht bebauten Fachwerkhäuser entwickelten sich zu einem Synonym für Armut und Elend. Gebeutelt von Cholera, Bandenkriegen und Aufständen genossen die Viertel einen zunehmend schlechten Ruf.
Heute finden sich nur noch an vereinzelten Orten in der Stadt Hinweise auf diese Zeit. Ob es das beliebte Ausflugziel der Krameramtsstuben oder die Künstlervereinigung und Genossenschaft am Valentinskamp ist – die Hamburger wollen die letzten Zeugnisse der Gängeviertel bewahren.
Diesem Ziel hat sich auch Maler und Hörbuchautor Andreas Karmers verschrieben. In seiner ersten Dokumentation „Wir waren das dunkle Herz der Stadt“ soll es um die Geschichte und den Untergang der Viertel gehen. „Die Gängeviertel haben mich schon immer fasziniert. Ich habe mir schon lange gedacht: Warum gibt es eigentlich keinen Spielfilm darüber? Also eine Handlung, die genau in diesem Milieu spielt.“ Das erklärt auch warum „Wir sind das dunkle Herz der Stadt“ keine klassische Dokumentation wird. „Eigentlich ist es ein Film, der dokumentarisches Material verwendet.“, erklärt Andreas Karmers. Der Film erzählt also eine fiktive Handlung, gespickt mit historischen Fotografien und Videoaufnahmen.

Ein kritischer Blick auf die Gängeviertel-Politik


Als Schandfleck erachtet, beschloss die Stadt Ende des 19. Jahrhunderts eine umfangreiche Umstrukturierung. So wurden über 50 Jahre hinweg weite Teile des Viertels abgerissen und neu bebaut. Die dort lebenden Menschen wurden ersatzlos vor die Tür gesetzt. Aus der Not heraus zogen diese dann in die übrigen Wohnungen der Gängeviertel. Dies sorgte für zunehmende Armut und Überbevölkerung. Eine essentielle Entwicklung, die Andreas Karmers aufgreift und zum Gegenstand seines Filmes macht. Als Protagonisten bestimmt er seinen eigenen Großvater. 1907 in der Neustädter Straße geboren, wuchs Walter Wedstedt im berüchtigten Gängeviertel auf. Anhand seiner Vorfahren erzählt Walter aus seiner Perspektive den Untergang der Viertel. Angefangen bei dessen Großvater, der schon Ende des 19. Jahrhunderts aus der heutigen Speicherstadt vertrieben wurde, bis hin zum Abriss des letzten großen Areals unter den Nationalsozialisten. So erzählt Karmers, über drei Generationen hinweg, eine Zeitspanne von ca. 1880 bis hin zum Zweiten Weltkrieg.
Ein wichtiger Fokus des Dokumentarfilms liegt auf der Kritik an der systematischen Vertreibung der Bewohner der Gängeviertel, die zu der Massenverelendung beigetragen hat. Es geht um rücksichtslose Stadtplanung zugunsten wohlhabender Investoren, um Korruption, Politik und Wirtschaft. Der Film soll dem Zuschauer ein Bild von innen heraus vermitteln, nicht von außen hinein. Andreas Karmers will den Ruf der Viertel als einen Ballungsraum des „Abschaums“ hinterfragen und Diskussionen entfachen. Denn nicht alles an dem Leben in den Gängevierteln war schlecht und schon gar nicht so, wie viele offizielle Quellen es wiedergeben, so Andreas Karmers. Darum soll es in dem Film auch um den Zusammenhalt der Bewohner untereinander gehen: um Hinterhoffeste und Freundschaften.

Bereits 7500 Euro durch Crowdfunding


Da der Film stilistisch nicht den Richtlinien einer typischen Dokumentation entspricht, lehnten Sender und Filmförderung die Finanzierung des Projektes ab, erklärt Andreas Karmers. Davon unterkriegen lassen wollte er sich aber nicht. Jetzt versucht er es mit Crowdfunding. Aktuell sind knapp 30 % der angestrebten 25.000 Euro bezahlt. Obwohl noch bis zum 24.12. gespendet werden kann, will Andreas Karmers die 20.000 Euro Marke bis Ende November geknackt haben, um die Arbeit am Film vorantreiben zu können. Denn erst wenn die Finanzierung steht, kann das Archivmaterial bestellt werden. Erst dann können die verbleibenden Texte geschrieben und eingesprochen werden, Fotos digital nachbearbeitet und restliche Kameraaufnahmen gemacht werden. Unterstützt wird Andreas Karmers dabei vor allem von engagierten, ehrenamtlichen Mitarbeitern. Unter ihnen finden sich auch eine Reihe prominenter Schauspieler und Synchronsprecher, die dem Film ihre Stimme leihen. Dazu gehören u. a. Ulrich Tukur, Helmut Krauss, Wilfried Dziallas und Angelika Bartsch.
Andreas Karmers rechnet mit der Fertigstellung von „Wir waren das dunkle Herz der Stadt“ zum Sommer 2016. Die ca. 100-minütige Dokumentation soll dann weltweit auf Festivals eingereicht werden. Geplant sind auch Verhandlungen mit kleineren Programmkinos in Hamburg. Auf jeden Fall hat Andreas Karmers vor mit dem Dokumentarfilm umherzureisen und vor kleinem Publikum aufzuführen.
Wer das Projekt unterstützen möchte, kann das noch bis Weihnachten unter https://www.startnext.com/dunklesherzderstadt tun.
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