Fußball mit den Händen

Lokalderby: St. Pauli-Fan Fritz hat den Ball, HSV-Anhängerin Heike jagt hinterher. Foto: köslin
 
Christina Gericke (am Ball) bei der Teambesprechung mit ihrer Gruppe in der Halle Eckernförder Straße. Foto: köslin

Beim inklusiven Sportverein Alstersport spielen Kinder und Jugendliche mit großer Begeisterung Wheel-Soccer

Von CHRIS KÖSLIN

Fritz, der blonde Pfiffikus im braunen FC St. Pauli-Pullover, greift an und fischt sich den Ball aus dem Gedränge. Mit der Rechten tippt er das dicke Gummirund immer wieder kurz auf den Hallenboden und treibt es vor sich her. Mit der linken Hand macht er Tempo mit seinem Rollstuhl. Theo, sein Freund mit den verschwitzten Haaren, winkt hektisch. Er fordert den Steilpass und steuert auf das Tor zu. Der Pass kommt auch, aber Sarah saust dazwischen. „Tolle Ball-eroberung“, ruft Tina, die Trainerin. Aber da hat Theo, der kleine Kämpfer, den Ball dem Mädchen im Elektro-Rollstuhl schon wieder abgejagt.
Wir sind in der Turnhalle der Kurt-Tucholsky-Schule an der Eckernförder Straße. Das laute, wilde Knäuel, was da herumtobt, spielt Wheel-Soccer. Fußball mit den Händen, könnte man sagen. Mit ihren Beinen und Füßen können die meisten dieser Kinder und Jugendlichen keinen Sport betreiben. Sie sind Rollis, Menschen, die auf ihre Rollstühle angewiesen sind.

„Montags steppt bei uns der Bär“, sagt der Vorsitzende
Es ist die Montags-Gruppe von Alstersport, dem Verein für inklusiven Sport für Kinder und Erwachsene. „Und montags, da steppt bei uns der Bär“, hatte Markus Werner, der Vorstandsvorsitzende des Vereins versprochen. Und er behält Recht. Der Kampf um den großen Ball geht weiter. Sarah schiebt ihn mit ihren Rollstuhl. Geschickt lenkt sie ihn mit ihrem Kinn in eine Drehung, versucht Milan anzuspielen. Aber St. Pauli-Fritz hat auf der Lauer gelegen. Ballbesitz für den Achtjährigen. Auf Rechtsaußen stürmt er davon, der umgekippten Bank zu, die das Tor darstellt. Er gibt der dicken Kugel einen Stoß. Max, der Torhüter, kann nicht eingreifen. Noch bevor der Ball von der Bank zurück prallt, reißt Fritz die Arme hoch und schreit Tor. Da ist keiner in der Halle, nicht auf dem Spielfeld und auch keiner der Mütter und Väter und Betreuer im Hintergrund, die nicht mitjubeln und applaudieren.

Der Unterschied zum „Fußgängersport“? Gar nichts!
Tina, die mit vollem Namen Christina Gericke heißt und gerade ihren Doktor in Erziehungswissenschaften macht, trainiert und betreut seit zwölf Jahren Kinder und Jugendliche mit körperlichen und (oder) mit geistigen Behinderungen. Die häufigsten Erkrankungen, die Menschen zu einem Leben im Rollstuhl zwingen, sind „Spina fifida“, im Volksmund als offener Rücken bekannt. Die „Infantile Zerebral-Parese“ ist ein Hirnschaden, der oft schon bei der Geburt oder im Babyalter auftritt. Sarah wiederum hatte sich als Kind eine bakterielle Entzündung im Rückenmark zugezogen. Sie blieb gelähmt. Da sie im Wesentlichen nur den Kopf bewegen kann, steuert die 17-Jährige, die die Realschule besucht, ihren 300 Kilo schweren Elektro-Rollstuhl nur mit dem Kinn. Aber das so schnell und geschickt, dass ein Außenstehender ihr beim Zuschauen dafür applaudieren möchte.
Christina Gericke ist „Fußgängerin“, wie die Unterscheidung heißt, sitzt beim Training selbst im Rollstuhl, den sie praktischer Weise in der Turnhalle parkt. Fragt man die Sonderpädagogin, was eigentlich der gravierendste Unterschied bei Sport und Spiel mit Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen ist, kommt zuerst nachdenkliches Schweigen. „Gar nichts“, sagt sie dann, „das ist meine Lieblingsantwort. Diese Kinder sind mit der gleichen Begeisterung und der gleichen Lebensfreude bei der Sache. Aber natürlich, wer im Rollstuhl sitzt, hat einen anderen Blick auf die Welt. Und er hat eine ganz andere Bewegungsart. Beim Spiel bringen wir den Kindern im Rolli eine bessere Fahrtechnik bei. Wir machen sie mobiler und sicherer. Und das ist die Voraussetzung für größere Unabhängigkeit in ihrem Leben.“
Zur ersten Gruppe, die Tina vor zwölf Jahren betreute, gehörte Marc von Bröckel. Der Junge ist 20 Jahre heute, und wie der in seinem Rollstuhl herumtobt, das verschlägt einem manchmal den Atem. Wenn er beispielsweise demonstriert, wie er mit seinem Rolli Treppen überwinden kann. „Auch die langen Stufen, damit ich U-Bahn fahren kann“, erzählt der Junge mit dem durchtrainierten Oberkörper selbstbewusst.
„Zauberer und Fee“ heißt inzwischen das Spiel, zu dem Christina Gericke aufgerufen hat. Eine Art Fangspiel im Rollstuhl. Wer vom Zauberer erwischt und berührt wird, muss still stehen bleiben. Pia, die freundliche und neugierige 13-Jährige, hat es erwischt. Sie rührt sich nicht von der Stelle und achtet auch streng darauf, dass sich die anderen an die Regel halten. Feste Regeln, die sind sehr wichtig für diese Kinder. In dem Spiel gibt es auch die gute Fee. Die kann mit ihrer Berührung den Zauber brechen.

„Hast du wieder Stress Markus?“, fragt Pia
Aber Heike ist gerade mit einer schnellen Drehung dem Zauberer entwischt. Das 14-jährige Mädchen freut sich so laut, dass alle in der Halle mitlachen. Die Räder ihres Stuhls ziert die HSV-Raute. „Ich bin HSV-Fan“, erzählt das Mädchen, das im Verein auch noch zur Schwimmgruppe gehört und die Schule für Körperbehinderte am Tegelweg besucht. „Am 1. November war ich mit Papa wieder im Stadion. Gegen Hannover 96.“
Markus Werner, der Chef vom Verein Alstersport, der seit seinem 18 Lebensjahr selbst im Rollstuhl sitzt, registriert lächelnd, mit welcher Begeisterung Heike von ihrem HSV erzählt. „Heike hat, wie viele dieser Menschen, ein sehr feines Gespür für andere“, sagt Markus Werner, „schon wenn ich ihr die Hand gebe, kann passieren, dass sie fragt: Hast du wieder Stress Markus. Auch vor Pia, die mit ihrer freundlichen Neugierde auf jeden Fremden zugeht, kann man sein Gefühlsleben nicht verbergen. Pia fragt immer und würde doch nie eine falsche Frage zur falschen Zeit stellen. Viele dieser Kinder haben einen viel größeren Freundes- und Bekanntenkreis als Gleichaltrige, die nicht behindert sind. Auch ein Mädchen wie Sarah erlebe ich überhaupt nicht als unglücklichen Menschen. Das Verhältnis und der Umgang der Nichtbehinderten zu und mit Menschen mit Behinderungen hat sich ja ohnehin in den letzten Jahren stark gewandelt. Und das ist toll so.
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