Zwischen Absturz und Schicki-Micki

„Wohnungen statt Büropaläste“: Demonstrationszug im Jahr 1973 in der Bahrenfelder Straße. Foto: Stadtteilarchiv Ottensen
 
Parkplatz vor Buchhandlung: der Spritzenplatz in den 1970er-Jahren. Foto: Stadtteilarchiv Ottensen

Faszinierendes Buch über die Bahrenfelder Straße vom Stadtteilarchiv Ottensen

Emanuel Hofmann könnte sich inzwischen gemeinsam mit seiner Freundin eine Wohnung leisten. Möchte er aber nicht. „Weil ich es mag, auch mal Holz zu hacken und den Ofen anzumachen und auch mal im Winter rauszugehen, um zu duschen, durch den kalten Schnee und zurück“, sagt der Geografie-Student, der für 183,10 Euro Miete in seinem Bauwagen hinter dem Vivo wohnt.
Das Gespräch mit Hofmann über das Bauwagen-Leben ist Teil des lesenswerten Buches „Mitten durch Ottensen. Die Bahrenfelder Straße“ des Stadtteilarchivs Ottensen. Ausgehend vom Ottenser Marktplatz arbeiten sich die Mitarbeiter des Stadtteilarchivs nach Norden. Zu jeder Hausnummer liefern sie Gespräche mit jetzigen oder ehemaligen Bewohnern, Fundstücke und Beschreibungen der Lebens- und Wohnverhältnisse.

„Das hat mich sehr erschüttert und angewidert“


Bereits 1984 hatte sich das Archiv in einer Broschüre mit der Bahrenfelder Straße befasst, nun folgt das optisch und textlich ansprechende Werk auf 224 Seiten.
In Hausnummer 1 lebten Hermine und Johannes Jürgens bis an ihr Lebensende auf 86 Quadratmetern in einer Wohnung mit „Ansätzen zu durchaus großbürgerlichen Zuschnitt“. Gegen Ende der 1960er-Jahre schließen Geschäfte, „der Stadtteil beginnt abzustürzen“. Es wird nichts mehr an den Wohnungen gemacht. „Unser Haus bricht überall zusammen“, sagte Hermine Jürgens damals. Die Stadt will den Abriss, um eine „City West“ zu bauen. Johannes Jürgens beginnt sich, wie viele Ottenser, zu wehren. Mit Erfolg: Die Politik gibt die Abrisspläne auf, die Häuser werden renoviert.
Die 1970er- und 1980er-Jahre waren die große Zeit der Bürgerinitiativen, die sich für Verkehrsberuhigung und gegen die „Schicki-Mickisierung“ des Stadtteils einsetzten. Der Fotograf Asmus Henkel hat die Veränderungen im Viertel dokumentiert. Eine Zäsur stellt für ihn der Bau des Mercado im Jahr 1992 dar. Orthodoxe Juden besetzten die Baustelle, weil sich dort ein jüdischer Friedhof befunden hatte. Was Henkel aus der Bevölkerung über die Protestierer hört, erschüttert seine Liebe zu Ottensen. „Dass hier bei uns im Viertel alte und junge Nazis rumliefen und Antisemiten rumliefen und voller Hass über die protestierenden Juden in übelster Weise herzogen, das hat mich sehr erschüttert und angewidert. Vorher hatte ich so ein Inselgefühl: Ottensen ist unser Stadtteil, den können wir nach unseren Vorstellungen gestalten. Das war eine Illusion – ganz andere Gruppen sind am Werk und vereinnahmen den Stadtteil für ihre finanziellen Interessen“, schreibt Henkel.
Desillusionierende Erfahrungen, wie der Fotograf sie beschreibt, scheinen jedoch nicht repräsentativ für den Stadtteil zu sein, der allen Veränderungen zum Trotz als lebenswert gilt. „Man kann hier in Ottensen als Freak durch die Gegend laufen. Ich kann hier mit meinem Hund ohne Leine laufen, ein Punk mit Hund, das gehört hier dazu“, sagt Hofmann, der Student vom Bauwagenplatz.

Zur Geschichte

1789/90 sorgt die Verkoppelung, eine Vorform der Flurbereinigung, für ein neues Wegesystem. Es entsteht Privateigentum an Grundstücken und infolgedessen erstmals ein durchgehender Straßenzug zur Nachbargemeinde Bahrenfeld. 1849 wird eine Glashütte an der Bahrenfelder Straße im Norden des Dorfes gebaut. Für die Fabrikarbeiter und Handwerker gibt es sogenannte Sahlhäuser. Das sind niedriggeschossige Bauten mit ihren typischen Dreitürengruppen, die beiden Erdgeschosswohnungen haben jeweils eine eigene Tür, wobei die mittlere ins Obergeschoss führt.
Gegen Mitte der 1890er-Jahre ist die Bahrenfelder Straße zu beiden Seiten vollständig bebaut. Städtische Etagenhäuser lösen die Sahlhäuser ab. Der letzte Bauer der Bahrenfelder Straße heißt Carl Wilhelm Kock, der seinen Hof gegenüber der heutigen Zeißstraße 1903 verlässt.

Buchtipp
Mitten durch Ottensen, Herausgeber: Stadtteilarchiv Ottensen, 2015, 224 Seiten
ISBN: 978-3-9808925-7-5
Preis: 24,80 Euro, plus zwei Euro Versandkosten unter
www.stadtteilarchiv-ottensen.de

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