Zwei Menschen ertrunken - fahrlässige Tötung?

Das Ehepaar M., zu Gast in Hamburg, freute sich am 22. August 2009 auf einen spektakulären Rundflug über Elbe und Alster bei schönsten Wetter und ahnte nicht, dass dieser Flug ihm den Tod bringen würde. (Foto: pixelio/Rainer Sturm)

Pilot Graf von W. vor Gericht – ein Ehepaar starb nach Bruchlandung seines Amphibienflugzeugs im Baakenhafen.

Nikolaj Graf von W. (44), im dunkelblauem Blazer mit Goldknöpfen, verzieht keine Miene, als sich die Pressefotografen auf ihn stürzen. Er hält sich nichts vors Gesicht, weicht nicht aus, lässt das Blitzlichtfeuer mit versteinertem Gesicht und fest zusammengepressten Lippen über sich ergehen.
W. ist der fahrlässigen Tötung angeklagt. Der Pilot machte mit dem Wasserflugzeug Stadtrundflüge über Hamburg. Am 22. August 2009, einem strahlend schönen Sommertag, war er mit dem Ehepaar M. an Bord von der Elbe aus gestartet, über die Binnenalster nach Fuhlsbüttel geflogen, hatte dort getankt und war wieder zurückgeflogen.
Als W. um 12.52 Uhr im Baakenhafen landete, überschlug sich das Flugzeug, hing kopfüber im Wasser. Der Grund war schnell klar: Das Fahrwerk war nach dem Start in Fuhlsbüttel nicht wieder eingefahren worden, wirkte wie ein gewaltiger Bremsklotz.
Rechtsanwalt Wolfram Maschke liest vor, was der Pilot aufgeschrieben hat. Dass er sich aus der Kabine, die sofort voll Wasser lief, befreien konnte, an die Wasseroberfläche kam, gleich wieder nach unten tauchte, um seine Passagiere zu retten. Schwimmend die Kleidung auszog, um besser tauchen zu können, weitermachte, auch als die Hilfskräfte eintrafen. Rund zehn Mal tauchte er, praktisch blind im trüben Elbwasser, bekam zwischendurch ein Bein zu fassen, musste hoch um Luft zu holen. Wieder unten, fand er den Menschen nicht mehr, dessen Bein er berührt hatte.
Plötzlich bricht der Angeklagte in Schluchzen aus, versucht verzweifelt die Kontrolle über seine Gefühle wiederzubekommen und fängt sich wieder.
Polizei und Zeugen bestätigen: W. hat bis zum Schluss bei den Rettungsmaßnahmen geholfen. Erst um 15 Uhr wird er zur Wasserschutzpolizei gebracht; er steht unter Schock. Das Ehepaar M. wird geborgen, sie stirbt noch im Rettungswagen, er im Krankenhaus.
Die Frage vor Gericht: Hat W. die Lichter übersehen, die anzeigten, dass das Fahrwerk nicht eingezogen war? Oder funktionierten sie nicht? Doch ein Blick durchs Fenster hätte genügt, sagt sein als Zeuge geladener Ausbilder. W. hätte das ausgefahrene Fahrwerk sehen können.
Eine Verurteilung würde Berufsverbot für W. bedeuten. Nach dem Unfall hat er zeitweise in Sierra Leone als Pilot gearbeitet. Ein Reinfall - sein Geld wurde ihm nie ausgezahlt. Die Familie - W. ist verheiratet und hat ein achtjähriges Kind - lebt von den Einkünften seiner Frau. Am 16. Januar wird die Verhandlung fortgesetzt.
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