"Wir wollen mit Flüchtlingen wohnen!"

Gehen für das Recht von Flüchtlingen auf feste Wohnungen auf die Straße: Männer und Frauen von „Bunte Mischung“. (Foto: pr)
 
Gründungsmitglied der Gruppe „Bunte Mischung“: Holger Griebner. (Foto: pr)
 
Ein Gründungsmitglied der Gruppe „Bunte Mischung“: Monika Kemke. (Foto: pr)

Die Gruppe „Bunte Mischung“ legt ein neues Konzept für den Wohnungsbau vor: Jede siebte Wohnung für Flüchtlinge!

Die Männer und Frauen des Wohnprojekts „Bunte Mischung“ fordern etwas in der Stadt bisher Einmaliges: eine Quotierung für Flüchtlinge in allen Hamburger Wohnungsbauplänen. Jede siebte Wohnung soll für Flüchtlinge vorgehalten werden. Zurzeit bemüht „Bunte Mischung“ sich darum, das Konzept erstmalig in einem Haus auf dem Kolbenschmidt-Gelände an der Friedensallee 128 umzusetzen. Dort sind in Mehrfamilienhäusern an die 470 neue Wohnungen geplant.

Seit wann gibt es Ihre Gruppe, wie viele sind Sie und was sind Ihre Ziele? 

Es gibt uns schon über drei Jahre. Bereits Mitte 2012 haben wir bei Rheinmetall unser Interesse für einen Bauplatz bekundet. Unser Name war zuerst Beste Mischung. Nach reiflichen Überlegungen zu unserem Konzept haben wir uns kürzlich umbenannt in Bunte Mischung. Wir sind eine Gruppe von alten und neuen Hamburgerinnen und Hamburgern, Männern, Frauen und Kindern, Jungen und Alten, Menschen mit und ohne Behinderung, die die Idee vom gemeinsamen Leben in die Realität umsetzen wollen. Wir kommen aus verschiedensten Berufs- und Lebenswelten; manche sind im Ausland geboren, manche arbeiten nicht mehr. Wir wollen geflohene Menschen zu unseren Nachbarn unter dem gemeinsamen Dach unseres Wohnprojektes machen. Die Liste der InteressentInnen ist schon länger als es die angepeilte Größe von ca. 20 Wohnungen hergibt.


Haben Sie eine Homepage?

wohnprojekt-bunte-mischung.de


Gibt es Menschen in Ihrer Gruppe, die selber flüchten mussten? Wer? Wann? Welche Erfahrungen haben die in Deutschland/Hamburg/Altona  gemacht?

Nein. Dafür sind wir noch zu weit von der Realisierung entfernt.



Sind Menschen in Ihrer Gruppe, die Kontakte zu Flüchtlingen haben? In welcher Form?  Wie hat es sie geprägt?

Ja. Einige sind aktive Unterstützerinnen und Unterstützer in Erst- oder Folgeeinrichtungen in ihrer derzeitigen Wohnumgebung. Andere unterstützen die Gruppe „Lampedusa in Hamburg“ z.B. auch in ihrer Gewerkschaft, die Menschen mit prekärem Aufenthaltsstatus aufgenommen hat. Das Hauptproblem überall: Es fehlen Wohnungen. Ansonsten sind wir der Meinung, dass über die unwürdigen Lebensbedingungen von Flüchtlingen in unserem Land genug geredet und geschrieben worden ist, jetzt geht es darum die Situation zu verändern.


Jede siebte Wohnung von Neubauvorhaben für Flüchtlinge - wie reagieren Menschen in Ihrem Umfeld auf diesen Vorschlag?

Nachbarn, Freunde und Kolleginnen zeigen sich sehr interessiert. Einige sind überrascht, dass es rechtlich keine großen Hürden gibt Flüchtlinge anders als in Sammelunterkünften unterzubringen, wofür die Städte Mühlheim und Leverkusen beispielhaft stehen. Andere haben uns ermuntert, unser Konzept öffentlich zu machen, damit sich wohnungsbaupolitisch endlich was tut.


Mit Ihrem Vorschlag würde eine Gruppe Menschen - nämlich Flüchtlinge - anderen Gruppen, denen es ebenfalls sehr schlecht geht, vorgezogen. Das bringt böses Blut. Was entgegnen Sie auf dieses Argument?

Es gibt in Hamburg eine große Not an bezahlbarem Wohnraum für sehr viele Menschen. Das Thema hat in den letzten Jahren in der „Recht auf Stadt“ Bewegung immer wieder tausende Menschen auf die Straßen getrieben. In dieser Bewegung stehen nicht Obdachlose gegen Flüchtlinge oder andere von Wohnnugsnot Betroffene. Sie haben sich dort zusammengeschlossen.
Für die stetig wachsende Anzahl der Flüchtlinge muss zusätzlicher Wohnraum geschaffen werden. Es geht nicht darum, dass diese Menschen sich gegenseitig etwas wegnehmen, - das ist ein gern genommenes Argument der Politiker – weggenommen werden soll da etwas, wo mehr als genug vorhanden ist: in diesem Fall von den Renditeerwartungen von Rheinmetall, indem im städtebaulichen Vertrag zusätzliche Flächen für Flüchtlingswohnungen ausgewiesen werden.



Wer bekäme denn eine solche Flüchtlingswohnung? Was wären die Kriterien, nach denen Sie aussuchen?

Der ausländerrechtliche Status; behördliche Unterscheidungen in ”wohnungsberechtigt” oder “nicht wohnnugsberechtigt” - das sind nicht unsere Denkkategorien. Das Menschliche muss sicherlich zusammen passen.
Praktisch hätten wir Kooperationspartner mit denen wir gemeinsam die Auswahl träfen: Die zuständige Behörde BASFI, unser Kooperationspartner Lawaetz und wir müssten gemeinsam entscheiden.
Es gab am 30.11.14 in Hamburg 10.267 „untergebrachte Personen“. Die Wohnungsnot in Hamburg ist so groß, dass unser Angebot gleich einem Tropfen auf den heißen Stein wäre. Das ist nur aushaltbar, wenn man weiß: Ja, auf breiter Ebene wird endlich praktisch was getan für Wohnraum für Geflohene und wir tragen unseren kleinen Teil dazu bei indem wir damit anfangen.


Wie konkret sind Ihre Baupläne für Genossenschaftswohnungen auf dem Kolbenschmidt-Gelände? Welche Schritte müssen Sie machen, um als Genossenschaft "genommen" zu werden?

Bunte Mischung ist als Interessent bei der Agentur für Baugemeinschaft gelistet. Grundstücksvergabe erfolgt zu 70% über das Kriterium der Konzeptqualität. Wir denken, dass unser Konzept auch deshalb stimmig ist, weil hier Flüchtlinge nicht nur wohnen sondern auch arbeiten können, denn die Kleingewerbetreibenden, die auf dem Kolbenschmidtgelände angesiedelt sind unterstützen nicht nur unsere Forderung sondern sind selbst schon in diese Richtung aktiv geworden. Einer der Betriebe hat beispielsweise einen Flüchtling als Auszubildenden aufgenommen.

Betrifft Ihre Forderung "jede siebte Wohnung für Flüchtlinge" alle zukünftigen Wohnungen auf dem Kolbenschmidt-Gelände? Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass Ihre Forderung tatsächlich in den städtebaulichen Vertrag aufgenommen wird?

In unserer Einladung zur Veranstaltung am 5.2. haben wir von den politisch Verantwortlichen gefordert, dass 10% aller im Rahmen des Hamburger Wohnungsbauprogramms geplanten Wohnungen für Flüchtlinge bereitstehen sollten. Im Drittelmix sollten jeweils Eigentum, frei vermietete und geförderte Wohnungen für diesen Zweck einige Prozentpunkte abgeben. Das gilt selbstverständlich auch für die Bebauung des Kolbenschmidt-Geländes.
 Auf der öffentlichen Plandiskussion über das Kolbenschmidt-Gelände haben fast alle beteiligten Bezirkspolitiker vor ca 150 Interessierten ihre Unterstützung für das Projekt „Gemeinsam mit Flüchtlingen leben“ zugesagt. Über das Baurecht haben sie den Hebel dafür in der Hand. Der Rüstungskonzern Rheinmetall hat an das Kolbenschmidt-Gelände hohe Renditeerwartungen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, würden auf dem Gelände zukünftig zu 100% hochpreisige Eigentumswohnungen entstehen. Die Bezirkspolitiker haben unter  dem öffentlichen Druck der Kleingewerbetreibenden auf dem Kolbenhof durchgesetzt, dass Rheinmetall nur mit einem begleitenden städtebaulichen Vertrag das jetzige Industriebaurecht in Wohnbaurecht geändert bekommt. In diesem Vertrag müßte auch festgesetzt werden, dass  die Stadt bzw. SAGA oder Genossenschaften zu einem günstigen Grundstückspreis Baugelände erwerben können und davon ein festgesetzter Anteil für Flüchtlingswohnnugen vorgesehen wird. 
Ein in diesem Sinne  zukunftsweisender Städtebaulicher Vertrag kann nur durch politischen Willen ermöglicht werden. Deshalb laden wir Politik, Verwaltung und Interessierte zu unserer Veranstaltung am 5. Februar ein.

Podiumsdiskussion
Gemeinsam mit Flüchtlingen wohnen. Unter diesem Motto steht die Podiumsdiskussion, zu dem der Flüchtlingsrat Hamburg, der Verein „Kolbenhof“ und „Bunte Mischung“ einladen. Ort und Zeit: W3 - Werkstatt für Internationale Politk und Kultur, Nernstweg 32-34, am Dionnerstag, 5. Februar, um 19 Uhr.
Für das Podium angefragt sind: : Altonas Bezirksamtsleiterin Dr. Liane Melzer, Martin Leo von „Fördern und Wohnen“ sowie Vertreter von „Bunte Mischung“, dem Flüchtlingsrat Hamburg, „Pro Wohnen Ottensen“ und Kolbenhof e.V. Die Moderation hat Burkhard Plemper. Der Eintritt ist frei.
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1 Kommentar
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Michael den Hoet aus Bahrenfeld | 08.02.2015 | 02:30  
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