„Wir hätten sie gleich rausschmeißen sollen!“

Florian, Anika, Magnus, Christina und Kevin (v.l.) sind einige der Kroenert-Azubis, die den Infotag für Schüler vorbereitet hatten und dann von der Disziplin- und Interesselosigkeit der Gäste völlig überfordert waren.
 
Kevin, Christina, Florian, Magnus und Anika (v.l.) sind einige der Kroenert-Azubis, die den Infotag für Schüler vorbereitet hatten und dann von der Disziplin- und Interesselosigkeit der Gäste völlig überfordert waren.

Auszubildende organisierten Infotag für Schüler - die benahmen sich total daneben.

Gepöbel, sexistische Äußerungen, Klauereien, totales Desinteresse: Komplett daneben benommen hat sich eine Gruppe Schüler der Stadtteilschule am Hafen (Neustadt/St. Pauli) und der Ida-Ehre-Schule (Eimsbüttel). Sie waren zu einem Informations-Rundgang in ein Altonaer Unternehmen eingeladen worden – als Interessenten für Ausbildungsplätze. Eins ist sicher: Die kriegen sie nicht.
Nicht nur die Ausbildungsleiter der Kroenert GmbH & Co. KG sind von der aus 16 jungen Männern bestehenden Gruppe schockiert – auch die Auszubildenden, genauso alt wie die Schüler, können nicht fassen, wie diese auftraten.
Wie im letzten Jahr hatten die Azubis in Eigenregie einen Infotag organisiert, hatten Rundgänge und Vorträge vorbereitet, ein Mittagessen mit dem Werkskoch abgesprochen und Schulen eingeladen, technisch interessierte Schüler zu schicken. Denen sollte das über 100 Jahre alten Unternehmen vorgestellt werden, das hochspezialisierte Maschinen entwickelt, baut und in die ganze Welt vertreibt. Kroenert bildet aus zum Industriemechaniker, Mechatroniker und Technischen Produktdesigner.
Doch die Schüler, 14 bis 18 Jahre alt, schienen, obwohl freiwillig vor Ort, völlig desinteressiert. Anika (18): „Einer hat gleich beim Einführungsvortrag seine Beine über die Stuhllehne gepackt und ist eingeschlafen.“
Später wurden die Schüler in zwei Gruppen aufgeteilt, die von Auszubildenden durch die Firma geführt wurden. Florian (18): „Die haben gegen alle Sicherheitsbestimmungen verstoßen: das Firmengelände fotografiert, obwohl das nicht erlaubt ist, sich auf Maschinen gesetzt, sich Hubwagen geschnappt, um damit durch die Hallen zu surfen... Das Schlimmste: Sie beleidigten unsere weiblichen Azubis: ‘Geile Sau“ und ‘Geiler Arsch’.“
Kevin (18): „Und dann haben sie fertige Werkstücke, Zahnräder aus Bronze, einfach eingesteckt. ‘Ist das Gold?’ haben sie gefragt. Als wir sagten,
sie müssten sie wieder hergeben, haben sie sie in die Kiste mit dem Ausschuss geworfen. Alles musste neu ausgemessen werden. Die ganze Produktion war gestört.“
Die Auszubildenden sind sich einig: „Wir hätten sie sofort rausschmeißen sollen.“ Christina (18): „Wir hatten die Schulen gebeten, uns interessierte Schüler zu schicken. Die Lehrer haben uns gesagt: ‘Das sind unsere
Besten’.“ Anika dazu: „Wenn das wirklich die Besten sind, dann tun mir die Lehrer leid!“

Das sagen die Ausbildungsleiter:
Kroenert-Ausbildungsleiter Holger Hientzsch und Frank Ahlers auf die Frage, wie denn das Angebot an Schülern sei, die sich für eine Lehre bewerben: „Grottenschlecht!“ Die Schüler kämen generell total uninformiert zu den Vorstellungsgesprächen und hätten keinerlei Sozialkompetenz. „Das wichtigste Signal für uns ist, dass jemand zeigt, dass er die Ausbildung wirklich will. Aber gerade das findet man kaum mehr.“

Das ist die Reaktion der Schulen:

Thomas von Fintel, Stadtteilschule am Hafen:
"Berufsorientierung ist für uns, wie für jede Stadtteilschule, eine zentrale Aufgabe. Umso mehr freuen wir uns über Gelegenheiten für Schülerinnen und Schüler Einblicke in Betriebe zu bekommen. Nur so können wir eine vielfältige Berufsorientierung anbieten. Normalerweise werden unsere Schülerinnen und Schüler dabei von Lehrkräften begleitet, auch um damit zu unterstreichen, dass ein angemessenes Verhalten aller erwartet wird.
Es macht uns betroffen, dass der Informationstag so unglücklich verlaufen ist und haben daraufhin mit den sechs Schülern gesprochen, die an diesem Informationstag teilgenommen haben. Alle Schüler haben die Vorfälle bedauert und deutlich gemacht, dass sie verstanden haben, was sie falsch gemacht haben.
Unsere Schule hat ein bewährtes Konzept für Soziales Lernen, das bereits mit der Einschulung einsetzt und vor allem auf gegenseitigem Respekt, Eigenverantwortung und Verantwortungsübernahme auch für andere aufbaut. Auch wir nehmen wahr, dass soziale Entwicklungen diese Arbeit immer wichtiger machen und arbeiten ständig daran, uns auch in diesem Bereich weiter zu verbessern. Wenn dennoch einzelne Schüler negativ auffallen, bestärkt uns darin in unseren Bemühungen nicht nachzulassen und diesen Weg konsequent weiterzugehen. Das ist Aufgabe aller Schulen und letztendlich der ganzen Gesellschaft."

Diana Niemann, Ida-Ehre-Schule:
Aus unserer Schule haben 10 Schüler aus der 10.Klasse, im Alter von 14-16 Jahren, den Informationstag besucht. Eigentlich ist es nicht üblich, dass Schüler dieser Altersgruppe ohne Begleitung einer Lehrkraft Betriebe besuchen. In diesem Falle war es der Wunsch der Firma, dass die Schüler allein kommen, dem wir entsprochen haben, obwohl wir bisher mit einer solchen Veranstaltung keinerlei Erfahrung hatten.
Selbstverständlich sind die Schüler auf den Besuch -wie immer üblich- vorbereitet worden. Allerdings war uns nicht mitgeteilt worden, dass dieser Tag ohne Begleitung durch Ausbilder des Betriebes gänzlich von Auszubildenden, die nur unwesentlich älter als unsere Schüler sind, durchgeführt werden sollte. Hätten wir dieses gewusst, hätten wir die Schüler begleitet oder aber auf die besondere Situation eingestellt. Unter Altersgleichen kommen immer gruppendynamische Besonderheiten zum Tragen.
Der Informationstag wurde ca. ein bis eine halbe Stunde vor Ende der Veranstaltung vorzeitig abgebrochen. Laut Aussage des Betriebes erhielten am Ende alle Schüler, die sich an die Regeln gehalten hatten, eine Teilnahmebestätigung. Von unserer Schule haben zwei Schüler keine Teilnahmebestätigung erhalten, Acht müssten sich demnach an die Regeln gehalten haben.
Die Nichterteilung der Bescheinigungen an zwei unserer Schüler haben wir zum Anlass genommen, sofort mit dem Betrieb Kontakt aufzunehmen, um konkret zu hören, wie sich die Schüler im Betrieb verhalten haben, damit wir mit den betreffenden Schülern deren Verhalten reflektieren können. Unser Angebot, dass sich die betreffenden Schüler für ihr Verhalten bei den Auszubildenden entschuldigen, wurde vom Betrieb nicht aufgegriffen. Schulintern wurde das unangebrachte Verhalten in einem Gespräch mit den Schülern, der Schulleitung und den Eltern gemeinsam bearbeitet und den Schülern die Auflage erteilt, über die Situation nachzudenken und nach einer Lösung zu suchen, ihr Verhalten wieder gutzumachen. Die Entschuldigung dafür wäre eine der Maßnahmen gewesen.
An unserer Schule nehmen wir die Berufsorientierung sehr ernst und unsere Schülerinnen und Schüler haben häufig die Gelegenheit, Betriebe zu besuchen, z.B. um ein Bewerbungstraining durchzuführen. Bisher gab es keinerlei negative Rückmeldungen, sondern häufig lobende Worte über das positive Verhalten unserer Schülerinnen und Schüler. Deshalb sind wir der Überzeugung, dass es sich nur um eine bedauernswerte Ausnahme handeln kann, die die Gegebenheiten an unserer Schule nicht typisch wiedergibt.

Meinung gefragt!
Sind Sie auf der Suche nach Auszubildenden? Was für Erfahrungen haben Sie gemacht? Schlechte, wie oben dargestellt? Oder andere, bessere? Wir wollen es wissen.
Bist du Azubi?  Oder auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz? Was hast du bei deiner Suche erlebt? Warst du von der Schule gut darauf vorbereitet, dich zu bewerben? Wir wollen deine Meinung hören. Bitte unter Stichwort „Azubi“ schreiben an: Elbe Wochenblatt, Harburger Rathausstraße 40, 21073 Hamburg. Fax: 85 32 29 39. Per E-Mail mit dem Betreff „Azubi“ an: post@wochenblatt-redaktion.de
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Albert Weisshaar aus Stellingen | 13.12.2013 | 16:52  
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