„Wir appellieren an die Vernunft“

Der Koran, hier ein historisches Exemplar aus dem 19. Jahrhundert, ist die Heilige Schrift des Islam.
 
Die Moschee Ulu Cami in Ottensen ist eine der ältesten Hamburgs. (Foto: pr)

Interview mit Murat Pirildar von der Ulu Cami Moschee in Ottensen.

Die Anschläge von Paris erschütterten die Welt. Die Schockwelle erreichte auch Deutschland, Hamburg, Altona. Das Wochenblatt stellte Fragen an Murat Pirildar (37), Sprecher der Ulu Cami Moschee in der Bahrenfelder Straße 92, die zum Landesverband der islamischen Kulturzentren Norddeutschland e.V. (VIKZ-Norddeutschland) gehört.

Was sagen Sie zu den Anschlägen in Paris?

Wir verurteilen den feigen Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ in Paris auf das Schärfste. Terror hat keinen Platz in irgendeiner Religion und ist mit islamischen Werten nicht vereinbar. Die Verurteilung des Anschlages durch Muslime weltweit macht das deutlich.

Haben die Anschläge und die Reaktionen darauf Auswirkungen auf Ihre Gemeinde?

Selbstverständlich! Es sind einschneidende Ereignisse, die es zu verarbeiten gilt. Leider haben durch die Flut von Bildern in den Medien über Kriege und Tod viele Menschen ein verzerrtes Bild über Muslime und Islam. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken und junge Menschen zu sensibilisieren, haben wir in der Woche der Anschläge bundesweit in unseren Gemeinden die Freitagspredigt dem Thema Gewalt gewidmet und diese thematisiert.

Wie ist die Reakton in Ottensen? Haben Sie den Eindruck, dass das Klima frostiger wird?  Oder steht die Nachbarschaft, auch die nicht-muslimische, zusammen?

Letzteres ist der Fall. Wobei es wichtig ist zu erwähnen, dass wir hier über unseren Stadtteil reden. Anderswo in der Republik entwickelt sich tatsächlich Beängstigendes.   Stichwort: Pegida

Was lösen die Pegida-Demonstrationen bei Ihnen aus? 

Meines Erachtens ist zumindest einem Teil der Demonstranten gar nicht bewusst, worum es bei Pegida eigentlich geht. Sie gehen auf die Straße, ohne sich im Klaren darüber zu sein, wem sie damit dienen. Profilierungshungrige nutzen die Gunst der Stunde und gießen Öl ins Feuer.

Wissen Sie aus dem Altonaer Umfeld von Versuchen, Jugendliche zu radikalisieren? 

 Das ist kein stadtteilspezifisches Problem. Die Umstände, die zu Radikalisierung führen, sind vielfältig und immer individuell. Einen Schwerpunkt sehen wir in der Ausgrenzung und Diskriminierung von Jugendlichen. Die Schwierigkeiten von Jugendlichen mit ausländisch klingenden Namen bei der Bewerbung um einen Ausbildungsplatz sind wissenschaftlich belegt. So etwas  ist  Wasser auf den argumentativen Mühlen der sogenannten Hassprediger. Wir sehen unsere Aufgabe darin, der heranwachsenden Generation Fertigkeiten mitzugeben, die sie davor bewahren in ein undifferenziertes und egozentrisches Weltbild zu verfallen. Übrigens ist dies ein ureigenes religiöses Verständnis zur Gewährleistung eines friedvollen Miteinanders.

Was sagen Sie zu den Mohammed-Karikaturen?

Als gläubiger Mensch empfinde ich es als unwürdig Propheten, sei es Moses, Jesus oder Muhammed (Friede sei mit ihnen allen) und das, was den Menschen heilig ist, bildlich zu verunstalten. Bei aller Achtung demokratischer Werte darf man nicht aus dem Auge verlieren, dass knapp zwei Milliarden Menschen auf unserer Erde sich durch bildliche Gestaltung, insbesondere des Propheten, verletzt fühlen. Diese Gefühle rechtfertigen keine Gewaltverbrechen. Sie sollten es aber Wert sein, respektiert zu werden. 

NSU und Pegida auf der einen Seite - Islamisten auf der anderen. Was können wir alle für ein gutes Miteinander tun?

Es bedarf nicht viel um zu erkennen, dass sowohl das eine wie auch das andere kein Heil auf Erden bringt. Wir appellieren an die Vernunft der Menschen und für ein wenig mehr Selbstvertrauen auf allen Seiten,  um zu erkennen, dass keiner dem anderen etwas wegnehmen möchte. Wir müssen das Rad nicht neu erfinden: Die Menschheitsgeschichte hat viele Hochkulturen erlebt, in denen Menschen sich gegenseitig geachtet haben statt einander zu verachten.
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