Was können wir von einem Autisten lernen?

Florens Schmidt (30) spielt am Jungen Schauspielhaus derzeit einen 15-jährigen Jungen mit Asperger-Syndrom.

Wochenblatt-Interview mit Schauspieler Florens Schmidt.

Von Christopher von Savigny

Im Stück „Supergute Tage“, das Ende November im Jungen Schauspielhaus angelaufen ist, spielt er den Christopher Boone, einen 15-jährigen Jungen mit Asperger-Syndrom. Das Wochenblatt sprach mit dem Altonaer Schauspieler Florens Schmidt (30) über seinen Beruf, über die Bühne in der Gaußstraße und über die Herausforderung, einen Autisten darzustellen.

Das Junge Schauspielhaus ist dein erster fester Arbeitgeber. Vor einem Jahr wart ihr noch im Malersaal am Hauptbahnhof zu Hause. Wie spielt es sich auf der Interimsbühne in der Gaußstraße?
Es ist schon anders! Der Bühnenraum in der Gaußstraße ist erheblich kleiner. Dadurch, dass wir ganz nah an den Zuschauern dran sind, entsteht sehr viel Intimität. Die Besucher mögen das! Allerdings stören die vielen Säulen. Es ist eine Übergangslösung.

Wie ist es, vor Kindern und Jugendlichen zu spielen?
Sehr unterschiedlich: Kinder sind oft schnell gebannt von der Handlung, manche Jugendliche machen auch mal Quatsch. Ich sehe solche „Störungen“ auch als etwas Positives, weil es häufig zeigt, dass sie das Thema anspricht. Manchmal beim Spiel den Rhythmus zu verändern, um wieder die volle Aufmerksamkeit zu bekommen, ist eine gute Herausforderung und Übung für uns Schauspieler. Im Allgemeinen ist unser Publikum, zu dem auch viele Erwachsene zählen, aber konzentriert.

In „Supergute Tage“ hast du die Hauptrolle – und eine ganz besondere dazu: Du spielst einen autistischen Jungen, der den Tod eines Hundes aufklären möchte und dabei über sich hinauswächst. Wie versetzt man sich in so einen Charakter?
Christopher hat ein Talent für Zahlen, er mag das Weltall, und er hat ein Faible für Sherlock Holmes. Manche denken, Autisten könnten keine Beziehungen aufbauen. Das stimmt nicht: Den Hund seiner Nachbarin Mrs.
Shears zum Beispiel mag Chris-topher sehr gern. Um dessen Tod aufzuklären, tritt er in Kontakt mit anderen Menschen. Sein Vater spielt eine bedeutende Rolle in seinem Leben – aber die Beziehung stellt sich etwas anders dar, als wir es kennen. Für die Vorbereitung auf meine Rolle habe ich Kontakt zu einem Autismus-Verein aufgenommen und durfte zwei Jugendliche mit Asperger-Syndrom begleiten. Außerdem gibt es viel Recherchematerial.

Was können wir von einem Autisten lernen?
Auf die meisten Asperger-Autisten wirken die unzähligen Reize, denen wir täglich ausgesetzt sind, beispielsweise Straßenlärm, Gespräche, unbekannte Menschen, sehr viel stärker als auf unsereins. Deshalb ziehen sie sich zurück. Ich glaube, wenn wir ein bisschen sensibler durch die Welt gingen, würden wir merken, an wie vielen Dingen wir im Alltag einfach vorbeilaufen. Wirklich ruhige Momente erleben wir ja kaum in der Stadt. Außerdem fand ich die Jungs, die ich kennen gelernt habe, sehr authentisch und ehrlich, weil sie schnörkellos ihre Meinung gesagt haben.

Letzte Frage: Du kommst aus Berlin und lebst seit drei Jahren mit deiner Familie in Altona. Wie gefällt dir der Stadtteil?
Sehr gut: Vielfältig, lebendig – ein bisschen wie Kreuzberg. Und wir haben auf Anhieb sehr nette Menschen kennengelernt.
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