Von Tatort zu Tatort

Sie führt Touristen dort herum, wo sie aufgewachsen ist: Lotti Strehlow ist die älteste Stadtführerin auf St. Pauli. (Foto: stahlpress medienbüro)

Lotti Strehlow (84) ist die älteste Stadtführerin auf St. Pauli, wo sie aufwuchs

Von Reinhard Schwarz

Wer mit ihr durch die Davidstraße schlendert, muss Zeit mitbringen, denn an fast jeder Ecke trifft sie Bekannte, mit
denen sie kurz plaudert und Neuigkeiten austauscht. 1931 wurde Lotti Strehlow in der Frauenklinik Finkenau im Stadtteil Uhlenhorst geboren. Aufgewachsen ist sie auf St. Pauli und besuchte später die Pestalozzischule in der Kleinen Freiheit.
Seit 2002 zeigt die lebenslustige Strehlow für das Tourismusunternehmen „Landgang St. Pauli“ ihren Kiez aus Insidersicht. Sieben unterschiedliche Touren hat sie im Repertoire, darunter „Von Tatort zu Tatort“ und „Rotlicht und Seeleute“.
Das St. Pauli von heute und der Kiez früher – das seien zwei verschiedene Welten. „Damals herrschte hier eine vollkommen andere Atmosphäre. Es war ein ganz anderes Leben – fast wie eine Dorfidylle: Jeder kannte jeden.“ Vor jeder Bar an der Reeperbahn standen Portiers, die sofort eingriffen, wenn Frauen belästigt wurden.
Strehlow arbeitete mit Anfang 20 an der Bar im „Indra“, das vielen Beatles-Fans ein Begriff ist. Schließlich traten dort die damals noch fünf Liverpooler im Sommer 1960 erstmals in Hamburg auf. „Ein ganz seriöser
Laden mit Livemusik, Artisten und Varieté-Künstlern.“

Die „Schore“ kam von den Kleinkriminellen
„St. Pauli war eine geschlossene Gesellschaft mit eigenen Gesetzen. Es gab stillschweigende Regeln“, klärt sie auf. „Wenn man irgendwas bemerkte, was nicht koscher war, zeigte man das nicht an.“ Im Klartext: Wer zur Polizei ging, war auf dem Kiez erledigt. „Es wurde gedealt, aber nicht mit Rauschgift, sondern mit Hehlerware.“ Die im Ganovenjargon so genannte „Schore“ kam von Kleinkriminellen, die etwa bei Goldschmieden einbrachen.
Das Diebesgut wurde anschließend in der Unterwelt von St. Pauli verkauft: „Bekam man eine teure Sonnenbrille angeboten, hat man nicht nein gesagt – so ging’s mit allem.“
Sie liebt ihre Arbeit als Gästeführerin, denn damit hält sie sich auch fit. Auf St. Pauli hat sie keine älteren Kollegen – und in Hamburg „vermutlich auch nicht“, so Lotti Strehlow.
❱❱ www.stpauli-landgang.de
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