Von Hühnerkacke zum Hühnergott

Lochsteine, gefunden am Elbstrand Oevelgönne.
 
Wenn ein Lochstein (Hühnergott) im Sand liegt, könnte es schon wie Hühnerkacke aussehen.
Mathias, ein waschechter St. Pauli Jung in den mittleren Jahren, hatte es wohl noch nicht mitbekommen, dass der Winter langsam aber sicher kommen wollte und fror bis auf die Knochen, weil er für einen gemeinsamen Spaziergang mit mir am Elbstrand Oevelgönne, einfach zu dünn angezogen war. Nur seine Mütze, die er bis zu den Augenbrauen heruntergezogen hatte, bot ihm ein wenig Schutz. Ich hingegen war dick und warm eingepackt und spürte von der Kälte kaum etwas. Mein „Zwiebel-Look“ schützte mich vor den eisigen, aber sonnigen Tag im Jahr 2007. Mit frostigen Fingern und eiskalten Füßen wanderte Mathias langsam, mit schleppenden Schritten, neben mir den Elbstrand entlang. So gut wie möglich, versuchte ich ihn von seiner momentanen Situation, die ich sehr gut nachempfinden konnte, abzulenken. Kein interessantes oder amüsantes Gespräch und auch nichts Wissenswertes über die Elbe vermochte ihn noch zu motivieren. Aber nach einer Weile erzählte Mathias mir eine Geschichte, die für mich sehr interessant und lehrreich werden sollte: „Mein Kumpel und ich besuchten vor ein paar Jahren den Elbstrand. Kaum waren wir dort angekommen, fing er sofort an, zwischen den vielen kleinen Steinen im Sand, nach etwas zu suchen. Als ich ihn fragte, nach was er denn suchen würde, bekam ich zur Antwort, dass er „Hühnerkacke“ finden wollte. Ich konnte es nicht glauben, mein Kumpel hielt Ausschau nach Hühnerkacke. Aber wenn es wirklich so etwas am Elbstrand zu finden gibt, was macht man denn damit? Was haben Hühner überhaupt an der Elbe zu suchen? Wie kommt ein erwachsener Mensch dazu, hier an diesem Ort, danach suchen zu wollen? Ich verstand die Welt nicht mehr. Etwas später kam mein Kumpel auf mich zu und zeigte mir stolz eine Handvoll Feuersteine mit jeweils einem Loch darin und sagte, das sei Hühnerkacke.“ Ich konnte mich vor Lachen kaum noch halten, als ich diese Geschichte zu hören bekam. Neugierig fragte ich nach, wie die Lochsteine zu ihren sonderbaren Namen kamen. Über die Herkunft des Namen wüsste er nichts zu berichten, nur das die Frau von seinem Kumpel, sie so genannt haben soll und er übernahm dann die Beschreibung. Sollte es wirklich so sein, dass Lochsteine nach Exkrementen von Hühnern getauft wurden? Von wem und warum?

Nach diesem recht amüsanten kalten Tag am Fluss recherchierte ich zu Haus etwas nach, was es mit diesen Lochsteinen auf sich hat. Es dauerte nicht lange, da fand ich schon die ersten Hinweise. Offenbar lag Mathias mit seiner Beschreibung gar nicht so falsch. Es handelte sich zwar nicht um Hühnerkacke oder um ein Hühnerauge, sondern um einen sogenannten „Hühnergott. Ein Hühnergott braucht keine besondere Form. Wichtig ist, dass es ein Feuerstein sein muss, mit einem natürlich entstandenen, durchgehenden Loch. In der Vergangenheit wurden sie oft als Talisman getragen und als Glücksbringer genutzt, aber auch gegen den bösen Blick oder zur Abwehr gegen Geister die einem nichts Gutes wollen. Als schwingende Ketten zusammengefügt hingen sie oft vor manch einem Hühnerstall und schepperten draußen gegen die Holzwand, wenn der Wind wehte. Das unheimliche Geräusch sollte den Fuchs davon abhalten, in der Nacht eines der Hühner zu stehlen. Auch heute noch sind die Lochsteinketten in Mode und sind hin und wieder vor einige Fenster oder Haustüren zu entdecken. Für Fischer erfüllten sie damals einen praktischen Zweck und nutzten sie gern als Gewichte für ihre Fischernetze. Ich war erstaunt was es alles über einen Feuerstein mit Loch zu erfahren gab, soviel das es ein Büchlein füllen würde. Der russischen Schriftsteller Jewgeni Jewtuschenkos nannte eine von ihm geschriebene Novelle „Der Hühnergott“ und war dadurch wahrscheinlich der Namensgeber der Lochsteine, die er in seinem Buch beschrieb. Aber die Bezeichnung „Hühnerkacke“ war nachhinein auch gar nicht so falsch, denn wenn so ein Feuerstein im Sand liegt und seine schwarzweiß bräunliche Färbung kommt auf der Oberfläche zur Geltung, dann sieht es von oben gesehen schon so aus. Bei jedem Spaziergang am Elbstrand Oevelgönne halte ich oft Ausschau nach einem „Hühnergott“ und wenn ich einen gefunden habe, erinnere ich mich gern zurück an Mathias seine Geschichte, die er mir damals erzählte.
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