Vattenfalls Pläne mit dem geplanten Gaskraftwerk in Wedel

von Mirco Beisheim. Im Planungsausschuß der Stadt Wedel wurde am Dienstag abend seitens des Vattenfall-Konzerns die Pläne für das geplante GuD (Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerk) vorgestellt. Es ist schon befremdlich, von dem gleichen Vertreter Vattenfalls die Vorzüge dieses GuD-Kraftwerks in höchsten Tönen erläutert zu bekommen, der vor nicht mal 3 Monaten beim Erörterungsverfahren in Hamburg zur Moorburgtrasse diese noch als „die bestmögliche Wärmeversorgung“ für Hamburgs Westen dargestellt hat.
Die Moorburgtrasse konnte letztendlich nach langem Widerstand gegen Vattenfalls „greenwashing“ Marketing- und Öffentlichkeitsarbeit von einem gemeinsamen Bündnis aus Anwohnern, Bezirkspolitik, Verwaltung und den Umweltschutzverbänden verhindert werden.
Ich hoffe stark, daß es auch in Wedel gelingt, ein solches Bündnis auf die Beine zu stellen.
Denn grundsätzlich bleibt es der alte Wein in neuen Schläuchen, den Vattenfall mit seinen bunten Folien am Dienstag abend präsentiert hat.

Vordergründig geht es Vattenfall um den Ersatz des alten Kohlekraftwerks in Wedel, genauer: um den Ersatz der Wärmeleistung, welche dieses Kraftwerk in die Fernwärmeleitung gen Hamburg einspeist. Vattenfall hat hier nämlich ein massives Problem, weil der Konzern vor fünf Jahren kurzfristige Profitinteressen höher als strategisches Handeln bewertete. Denn anstatt wie von vielen unabhängigen Experten, Bürgern und Politikern damals gefordert zukunftsorientiert ein neues GuD für die künftige Wärmeversorgung von Hamburgs Westen zu bauen, baut Vattenfall seit 2007 in Moorburg ein neues Kohlekraftwerk. Primär dient dieses für den Vertrieb von Kohlestrom und sekundär auch zur Produktion von Fernwärme (diese war aber nie als „Abwärme“ geplant, sondern unter Einsatz zusätzlicher Kohleverbrennung und damit zusätzlicher CO2-Emissionen). Seitdem reißen die Pannen auf dieser Baustelle jedoch nicht ab. Nicht nur, daß sich die Fertigstellung Jahr für Jahr verzögert (aktueller Stand: Ende 2014). Sondern es wurde auch 2010 gerichtlich die Genehmigung gekippt, aus Moorburg Fernwärme in den Hamburger Westen zu leiten. Das anhängige Planfeststellungsverfahren läuft immer noch mit ungewissem Ausgang, denn es gibt inzwischen viele gute städtebauliche, ökonomische und ökologische Gründe für Hamburg, Vattenfall die Genehmigung zu versagen.
Auf diesen ungewissen Ausgang kann Vattenfall daher nicht vertrauen und holt jetzt die alten Pläne des fossilen Gaskraftwerks aus der Schublade. Ja, richtig: Gaskraftwerk. Was Vattenfall nämlich in seinen bunten Folien als sogenanntes „Innovationskraftwerk“ verkauft, ist nichts anderes als ein fossiles Gaskraftwerk (+Wasserspeicher, das ist die „Innovation“). Dieses Gaskraftwerk bläst zwar nicht soviel CO2 in die Luft wie das 50 Jahre alte KoKW. Aber heute sind auch Gaskraftwerke in der Größenordnung von 1125 MW Feuerungsleistung, wie es Vattenfall jetzt in Wedel plant, nicht mehr zukunftsorientiert, sondern Technik von gestern und keine „Brückentechnologie“.
Das Märchen von solch großen Gaskraftwerken als Brückentechnologie haben übrigens im März 2011 nach dem GAU in Fukushima die gleichen Lobbyisten in die Welt gesetzt, die vorher die Atomkraftwerke als „Brückentechnologie“ verharmlost haben. Es erschien ihnen die einzige Art an Großkraftwerken, die heute noch von uns Bürgern akzeptiert würde, die zu Recht Kohle- und Atomkraftwerke ablehnen. Und es ist die einzige Art von Kraftwerken, welche die beherrschende Machtstellung der Großkonzerne EnBW, E.ON, RWE und Vattenfall ein letztes Mal sichern könnte. Denn grundsätzlich zerfällt das Machtoligopol dieser vier Konzerne, weil immer mehr Bürger, Kommunen und Stadtwerke auf dezentrale, regenerative Solar-, Windkraft-, Biomasse- und kleine flexible regelbare Gaskraftwerke setzen. Denn durchaus sehen auch die Umweltverbände neue Gaskraftwerke als notwendigen Zwischenschritt an, um alle Kohle- und Atomkraftwerke in Deutschland so schnell wie möglich abzuschalten. Aber diese sollen dann eben nur sogenannte Regelenergie im Teilzeitbetrieb bereitstellen und nicht wie von Vattenfall geplant permanent laufen. Ein solches fossiles Großkraftwerk verzögert den für die Energiewende notwendigen Energiemix. Diesem Energiemix und einem dezentralen Zusammenspiel gehört jedoch die Zukunft. Wunderbar zeigt das in Ansätzen bereits dieser klirrende Winter, bei dem weder im Süden noch im Westen noch im Osten und schon gar nicht im Norden der von den Großkonzernen „prophezeite“ Blackout droht (stattdessen exportieren wir aktuell Strom ins Atomland Frankreich, aber das ist eine andere Geschichte).
Apropos Blackout: die verhängnisvolle Abhängigkeit von zentralen Stukturen zeigte sich erst am vergangenen Wochenende, als wegen eines Defektes im Kraftwerk Wedel Zehntausende von Wohnungen in Hamburgs Westen kalt blieben.

Trotzdem lernt Vattenfall es nicht. Es muß wieder ein fossiles Großkraftwerk sein, das mitnichten alleine zum Ersatz des Heizkraftwerks Wedel dient. Zum Vergleich: das jetzige Kraftwerk in Wedel liefert max. 260 MW Strom + 390 MW Fernwärme. Das neue geplante Kraftwerk soll nach Vattenfall Angaben jedoch bis zu 600 MW Strom + 400 MW Fernwärme liefern. Während also die Wärmeleistung ungefähr gleich bleibt, steigt die Stromproduktion um mehr als 100%! Wohlgemerkt gilt dies zusätzlich zu den künftigen 1600 MW fossilen Kohlestroms aus Moorburg. Wie paßt das zu den Aussagen von Experten und Politik und auch Vattenfall, daß Energieeinsparung ein wichtiger Schritt in die Zukunft und „downsizing“ das Gebot der Stunde ist? Gar nicht. Aber Vattenfall lebt eben trotz aller Lippenbekenntnisse nicht davon, daß die Verbraucher aufgeklärt werden, ihre Häuser sanieren und in Zukunft weniger verbrauchen. Vielmehr soll der künftig in Wedel produzierte fossile Strom das Forschreiten der Energiewende durch den weiteren Ausbau regenerativer Erzeugung, vor allem von Windkraft, in Schleswig Holstein verhindern. Denn in Wedel würde sogenannter KWK (KraftWärmeKopplung)-Strom erzeugt, der trotz fossiler CO2 lastiger Erzeugung laut Gesetz von Vattenfall gleichberechtigt zu erneuerbarem Strom ins Netz eingespeist werden darf. Zusammen mit dem AKW Brokdorf sind die Wedeler und Hamburger dann von einem Atom-, zwei Kohle- (Moorburg und Tiefstack) und einem Gaskraftwerk Vattenfalls umzingelt und drohen, im Wärmebereich weiter dem (Preis)Monopol Vattenfalls ausgeliefert zu sein.
Für eine mögliche sinnvolle zukunftsgerichtete Alternative brauchen wir nicht weit zu gucken. In Kiel haben die dortigen Stadtwerke verstanden. Auch dort muß ein Kohlekraftwerk ersetzt werden. Erst sollte es ein neues Kohlekraftwerk werden, gegen das sich die Kieler Bevölkerung aber erfolgreich wehrte. Deshalb verkündeten die Stadtwerke Kiel kurz vor Weihnachten 2011 eine echte Energiewende für Kiel. Die Konsequenz: die Stadtwerke setzen nun zusammen mit den Kieler Bürgern auf kleine dezentrale BHKWs (Blockheizkraftwerke) in den Wohngebäuden. Zusammen mit Fotovoltaikanlagen auf den Dächern und den Windanlagen draußen an der Küste werden die Bürger damit zu ihren eigenen Erzeugern.
Ich hoffe sehr, daß in Wedel die Stadtwerke gemeinsam mit den Bürgern den gleichen Weg gehen. In der Zeitung las ich, daß die Stadtwerke Wedel verstärkt eigene Erzeugungskapazitäten aufbauen möchten. Wunderbar! Nie war die Zeit besser, dies zusammen mit den Bürgern umzusetzen. Die Wedeler Politik kann dafür die Weichen stellen. Zum Thema Arbeitsplätze sei nur gesagt: seit langem ist bewiesen, daß die kleinteilige dezentrale Energiewende mehr regionale Wertschöpfung schafft als der Rationalisierungsdruck der Großkonzerne. Daher wäre es doppelt kontraproduktiv, sich an an einem Energieversorger zu beteiligen, der von Energiewende spricht und einzig an seinen Konzern-Profit denkt. Denn der schwedische Staatskonzern Vattenfall hat die Klage vor einem internationalen Schiedsgericht gegen Deutschland wegen der Energiewende nach eigenen Angaben bereits vorbereitet. Die Frage, ob ein solcher Konzern, dessen deutsche Tochter die Pannenreaktoren Krümmel und Brunsbüttel nie im Griff hatte, ein künftiger verläßlicher, ehrlicher Partner für Wedel sein kann, mag deshalb jede und jeder in Hamburg und Wedel objektiv für sich entscheiden. Aber eines ist jetzt bereits klar: wenn die Politik die nötigen Rahmenbedingungen schafft, können die Wedeler und Hamburger zusammen bis 2017 eine optimale dezentrale regenerative Wärmeversorgung für Wedel und Hamburgs Westen aufbauen.

Mirco Beisheim, Vorstandsmitglied KEBAP KulturEnergieBunkerAltonaProjekt e.V.
mb@kulturenergiebunker.de
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