Über Nacht obdachlos

Abgeriegelt: Die ESSO-Häuser mit ihren 110 Wohnungen, mehreren Clubs, Läden, Kino und Tankstelle dürfen seit Sonnabendnacht nicht mehr betreten werden. In einigen Wohnungen brennt noch Licht. Schon seit Monaten sind die Balkons der maroden Häuser mit Stützen abgesichert und dürfen nicht mehr betreten werden. (Foto: Heinz Mann)
 
Abgeriegelt: Die ESSO-Häuser mit ihren 110 Wohnungen, mehreren Clubs, Läden, Kino und Tankstelle dürfen seit Sonnabendnacht nicht mehr betreten werden. In einigen Wohnungen brennt noch Licht. Schon seit Monaten sind die Balkons der maroden Häuser mit Stützen abgesichert und dürfen nicht mehr betreten werden. (Foto: Heinz Mann)

Esso-Häuser evakuiert – für die Mieter müssen jetzt schnell Ersatzwohnungen gefunden werden.

Der erste Notruf bei der Polizei ging um 22.25 Uhr am Sonnabend ein: Ein Mieter aus den Esso-Häusern schlug Alarm. Polizeisprecher Andreas Schöpflin: „Der Anrufer sagte, die Wände wackeln.“ Es folgten weitere Anrufe verängstigter Mieter, die erdbebenähnliche Erschütterungen im Haus meldeten. Innerhalb von Minuten rückten rund 100 Polizisten zur Adresse Spielbudenplatz 13 und Kastanienallee 14 aus und begannen, gemeinsam mit Feuerwehrleuten, alle Wohnungen zu evakuieren. Mehr als 90 Bewohner mussten raus. Zwei Dutzend Wohnungen wurden aufgebrochen, weil dort niemand auf das Klingeln reagierte.
Evakuiert wurden auch die Clubs, das Hotel, das Sexkino und die Geschäfte in der Ladenzeile sowie die Esso-Tankstelle, von der der ganze Komplex seinen Namen hat. Augenzeuge Heinz Mann: „Bis zum Panoptikum wurde alles mit Zäunen abgesperrt.“ Den Rest der Nacht verbrachten die plötzlich obdachlos gewordenen Menschen in der Schulturnhalle an der Struenseestraße, betreut von Mitarbeitern des Deutschen Roten Kreuzes, das die Notunterkunft mit Betten ausgestattet hatte und die Menschen mit Essen und Getränken versorgte.
Am Sonntagnachmittag durften die Mieter in Begleitung von Mitarbeitern des Technischen Hilfswerks kurz in ihr Zuhause zurück, um die nötigsten Dinge – persönliche Papiere, Medikamente mitzunehmen und zurückgelassene Haustiere abzuholen. Diese dürfen sie, so das Angebot des Hamburger Tierschutzvereins, kostenlos im Tierheim unterbringen, bis ihre Wohnsituation geklärt ist.
Bezirksamtsleiter Andy Grote macht den Mietern keine Hoffnung auf eine Rückkehr:  Die Standsicherheit der Gebäude sei akut gefährdet, die Gefahr zu groß. Die Eigentümerin der Häuser, die Bayerische Hausbau, brachte die Mieter, die nicht bei Bekannten und Verwandten unterkommen können, in Hotels unter.
Was die Erschütterungen ausgelöst hat, war bis Redaktionsschluss immer noch nicht klar. Die Spekulationen reichen von lauter Musik bis zu einem Gabelstapler, der im Bierlager im Untergeschoss gegen eine Wand gefahren sein soll.
Die in den 60er errichteten Plattenbauten gelten seit langem als völlig marode. Die Bayerische Hausbau möchte abreißen und neu bauen. Die Initiative Esso-Häuser, die den Eigentümern und dem Bezirk Spekulantentum und absichtliches Verfallenlassen der Bauten vorwirft, fordert eine privat-genossenschaftliche Lösung und Sanierung. (siehe unten: "Politikum Esso-Häuser)
Am Montag hat das Bezirksamt Hamburg-Mitte die Esso-Häuser für unbewohnbar erklärt. Sie sollen so schnell wie möglich abgerissen werden.
Mieter der Esso-Häuser können sich, wenn sie Fragen zu ihrer Wohnsituation haben, an Birgit Rädisch von der Bayerischen Hausbau wenden: Tel 4142 51 22. Die Fachstelle für Wohnungsnotfälle: Tel 428 54-49 43 ist Ansprechpartner im Bezirksamt Mitte.

Politikum Esso-Häuser
Die Initiative Esso-Häuser bewertet die Ereignisse vom Wochenende als „Resultat einer jahrzehntelangen Vernachlässigung durch die Eigentümer“ und wirft Investoren und der Politik vor, „die Häuser verfallen zu lassen und auf den Abriss zu spekulieren“ und so die Mieter zu gefährden.
Unter der Hand wird gemunkelt, die Anrufe bei der Polizei seien fingiert gewesen, um das Haus leer zu bekommen. Bernhard Taubenberger, Sprecher der Bayerischen Hausbau, dazu: „Hanebüchener Unsinn! Irgendwann wird uns auch noch in die Schuhe geschoben, wir hätten John F. Kennedy ermordet. Wir hatten einen geordneten Prozess eingeleitet, um bis Juni allen Mietern drei Wohnungsangebote zu machen. Das hätten wir liebend gern so weitergemacht. Dass wir jetzt so unter Druck stehen - wir müssen schnellstens 80 Ersatzwohnungen finden - ist überhaupt nicht gut. Was sollen wir davon gehabt haben, so etwas herbeizuführen? Das Einzige, was wir davon haben, sind hohe Kosten.“ CH
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