Störtebeker-Prozess: Ist der Piratenschädel echt?

Vor dem Gerichtssaal: Jonny J. (li.) versucht, die versammelten Journalisten von seiner Unschuld zu überzeugen.

Verhandlung um Diebstahl von Störtebekers Kopf: Verteidigung will Strafminderung erreichen.

Von Christopher von Savigny.
"Bitte nageln Sie mich nicht fest!“ Bei diesem Satz von Ralf Wiechmann, Historiker am Museum für Hamburgische Geschichte, kann sich selbst der vorsitzende Richter ein Schmunzeln nicht verkneifen. Ohne es recht zu bemerken, hat der Zeuge einen richtig guten Witz gemacht, er hat sozusagen den Nagel auf den Kopf getroffen. Denn genau darum geht es in diesem Prozess: Um einen Totenschädel, der mit einem einzigen, schweren Nagel auf einem Holzklotz befestigt wurde.
Noch bis vor 200 Jahren hatte man die Schädel verurteilter und geköpfter Piraten so im Hamburger Hafen zur Schau gestellt. Die gruseligen, vor sich hin verwesenden Köpfe wurden zur Abschreckung auf weithin sichtbare Pfähle gespießt.
Der Schädel, von dem hier die Rede ist, soll dem berühmt-berüchtigten Seeräuber Klaus Störtebeker gehört haben. Irgendwann zwischen dem 2. und 9. Januar 2010 wurde der Totenkopf aus seiner Vitrine im ersten Stock des Museums gestohlen. Erst ein gutes Jahr später tauchte er unversehrt wieder auf. Nun müssen sich Michael S. (50) und Sven G. (28) wegen schweren Diebstahls vor dem Amtsgericht Mitte verantworten.
Über die Hintergründe der Tat hatte man lange spekuliert: Ging es um Lösegeld? War es nur ein Dumme-Jungen-Streich? Das Problem: Keiner der beiden Männer will sich äußern. Dafür gibt sich der dritte Angeklagte, Jonny J. (40), angeklagt wegen Hehlerei, äußerst redselig. Den Vorwurf, er habe den Schädel zu Geld machen wollen, weist er weit von sich: „Eine Frechheit“, empört sich J. Im Grunde sei es ja nur ihm zu verdanken, dass das gute Stück jetzt wieder an seinem Platz sei. Zuvor, so der Angeklagte, hab er „den Scheißkopf“ von seinem Kumpel Sven G. in Verwahrung genommen, um das Ausstellungsstück vor Schaden zu bewahren. G. habe psychische Probleme gehabt. „Er war völlig gaga“, so J.
Als noch viel spannender könnte sich die Frage nach der Echtheit des Schädels herausstellen: Denn die Verteidigung bezweifelt, dass das Corpus Delicti tatsächlich von Störtebeker stammt. Selbst der Museumshistoriker ist sich nicht sicher. „Bei uns hieß er der ‘sogenannte’ Störtebeker-Schädel'“, sagt Wiechmann, der sich allerdings nicht weiter „festnageln“ lassen möchte. Die Verhandlung wird am heutigen Mittwoch, 14. November, sowie am Freitag, 16. November, fortgesetzt. Uhrzeit: jeweils ab 9 Uhr, Saal 186.
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