Spurlos verschwunden

Silke Voss (69) kann sich nicht erklären, was mit ihrem Bruder passiert ist. (Foto: pit)
 
Karl-Heinz (Heiner) Grubert, hier ein älteres Foto, fuhr 20 Jahre zur See und lebte danach von Hartz IV. (Foto: pr)

65-Jähriger seit elf Wochen wie vom Erdboden verschluckt

Von Claudia Pittelkow.
Er ging Zigaretten holen und ward nie mehr gesehen – dieser Albtraum ist für Silke Voss Wirklichkeit geworden. Seit dem 3. Oktober ist ihr geliebter Bruder Karl-Heinz Grubert spurlos verschwunden. Am Abend zuvor war der 65-Jährige noch zu Besuch bei seiner Schwester, die ganz in der Nähe wohnt. „Wir waren für den nächsten Morgen verabredet, doch er kam nicht“, sagt sie. Seitdem ist Heiner, wie ihn alle nennen, wie vom Erdboden verschluckt. Ist er vielleicht zu-
rückgekehrt in seine alte Heimat St. Pauli, wo er bis vor vier Jahren in der Nähe der Herbertstraße gewohnt hat?
Die Polizei hat bislang keine Hinweise gefunden, dass Heiner Grubert etwas zugestoßen ist. „Er war ja Seemann, vielleicht ist er einfach wieder losgezogen“, spekuliert Polizeisprecher Holger Vehren. Aktiv nach dem Verschwundenen suchen darf die Polizei jedoch nicht. „Der Mann ist volljährig und darf hingehen, wohin er will“, betont der Polizeisprecher.
Silke Voss‘ Bauchgefühl sagt ihr, dass sich der Bruder vielleicht tatsächlich aus dem Staub gemacht haben könnte. „Er war mit der Miete im Rückstand“, erzählt sie. Bis zu seinem 65. Lebensjahr hatte das Sozialamt für die Ein-Zimmer-Wohnung im Wilhelm-Strauß-Weg gezahlt, danach hätte er Rentenanspüche anmelden und selbst zahlen müssen. „Aber er hat sich um nichts gekümmert“, sagt Silke Voss.
Drei Wochen vor seinem Verschwinden wurde ihm die Wohnung fristlos gekündigt. Das Fachamt für Wohnungsnotfälle im Bezirksamt Mitte nahm Kontakt auf und bot Hilfe an. Voss: „Genau da wollten wir am 4. Oktober, am Tag seines Verschwindens, zusammen hin!“
In die Angst um ihren Bruder mischt sich bei der 69-Jährigen inzwischen auch Wut. „Ich liege jede Nacht wach und grübele“, sagt sie. „Warum macht er das?“ Noch hofft die Wilhelmsburgerin, dass sich alles zum Guten wendet. Der Miet- rückstand sei zwar mittlerweile auf 1.470 Euro angewachsen, aber ansonsten habe der Bruder keine weiteren Schulden. „Noch ist alles zu retten“, appelliert sie, er müsse sich nur endlich melden.
Für die Wohnung hat die städtische Wohnungsgesellschaft Saga inzwischen eine Räumungsklage eingereicht. „Sofern keine Zahlung erfolgt, erwarten wir etwa Mitte Januar das Räumungsurteil“, so Saga-Sprecher Michael Ahrens.
Silke Voss hofft nun, dass jemand das Bild ihres Bruders in der Zeitung erkennt.
Kontakt: Tel 750 99 18

Vermisst: Für Angehörige eine Katastrophe
Wenn ein erwachsener Mensch plötzlich verschwindet, sind die Angehörigen meist ziemlich hilflos. Die Polizei darf nur suchen, wenn Lebensgefahr besteht oder aber Hinweise für ein Verbrechen vorliegen. Nur dann gilt der Gesuchte offizell als vermisst. „Ansonsten müssen die Persönlichkeitsrechte gewahrt werden“, erklärt Polizeisprecher Holger Vehren. Das heißt: Jeder darf gehen, wohin er will! Selbst wenn die Polizei zufällig auf eine verschwundene Person trifft, darf sie diese höchstens darum bitten, sich bei den Angehörigen zu melden. Vehren: „Das ist aber kein Zwang.“ Verschwundene Menschen tauchen zu 90 Prozent nach wenigen Tagen wieder auf. Über Langzeitfälle wird keine Statistik geführt, laut Polizei gebe es davon aber nur wenige. pit
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