Späte Hilfe für ehemalige Heimkinder

Jahrelange Angst macht einen Menschen kaputt. Rainer Schmidt weiß das aus eigener Erfahrung. Jetzt hofft er auf Geld aus dem Fonds Heimerziehung. Damit möchte er eine Kur bezahlen.
 
Jahrelange Angst macht kaputt. Viele der Menschen, die ihre Kindheit von 1949 bis Mitte der 70er in Waisenhäusern und anderen Heimen verleben mussten, leiden noch heute unter der damaligen "Erziehung" mit Repressalien, Demütigungen, Schlägen und Psychoterror. (Foto: pixelio/anne garti)

Misshandlungen, Demütigungen, Angst: Heimkinder sollen dafür entschädigt werden – aber das geht sehr langsam.

christiane handke, altona
Gut gemeint, schlecht gemacht? Eine Einrichtung, die misshandelten ehemaligen Heimkindern helfen soll, funktioniert in Hamburg anscheinend nicht, wie sie soll. Bis zu einem Jahr müssen Betroffene warten, bis sie einen Termin bekommen.
Es geht um den Fonds Heimerziehung. Sein Zweck: Menschen, die in den 50er bis 70er Jahren unter teilweise unvorstellbaren Bedingungen in Kinderheimen aufwuchsen, wenigstens teilweise zu entschädigen.
Rainer Schmidt (56) ist einer dieser Menschen. „Mein Leben ist verpfuscht“, sagt er. Wenn er zurückschaut, muss er feststellen: „In meiner Kindheit und Jugend wurden mein Selbstwertgefühl, das Vertrauen in mich selbst und in andere Menschen zerstört, meine Willenskraft wurde gebrochen, mir wurde der Halt genommen. Ich habe Probleme mit Disziplin und mit Beziehungen.“ Er sagt das ganz ruhig und nüchtern, wirkt intelligent und nachdenklich: „Wenn mein Leben anders gelaufen wäre, wäre ich sicher weiter gekommen.“ Er hat Taxi gefahren, gejobbt, bekommt Hartz IV.
Schmidt, unehelich geboren, 1957, als das noch ein Skandal war, wurde weggegeben und wuchs in Kinderheimen auf. Die prägenden Jahre von zwölf bis 17 erlebte er in einem Kinderheim im Sauerland. Dort führte Heimleiter Wilhelm K. ein brutales Regiment. „Jede Menge Schläge. Aber die waren nicht das Schlimmste“, erinnert sich Schmidt und fügt leise hinzu: „Die Demütigungen, die Angst...“ Stundenlang ließ K. die Jungen dasitzen, während er stumm Bier trank und seine Zigarre rauchte. „Unser Blick lag auf der gefährlichen rechten Hand in der Tasche“. Wer muckste, bekam eine Ohrfeige mitten ins Gesicht. „Das Schlimmste: Wenn er mich ins Büro bestellte und meine Heimakte rauszog. Genüsslich las er meine Schandtaten vor und erzählte mir, was für ein schlimmer Verbrecher ich war. Was ich getan hatte? Im Wald gezündelt und so – Sachen, die alle Kinder machen.“
Die Folge: Magengeschwüre. Zwölffingerdarmgeschwür. Mit 18 Jahren. „Ich hab ja ewig Kummer in mich reingefressen.“
Als Rainer Schmidt von dem Heimkinder Fonds hörte, wagte er zuerst gar nicht zu glauben, dass wenigstens etwas Gutes aus seinen schlimmen Erfahrungen kommen sollte. Er hofft auf genug Geld aus dem Fonds, um seinen großen Wunsch erfüllen zu können: eine Kur. Dann die Enttäuschung: Als er die Beratungsstelle aufsuchte, erhielt er einen Termin für den 17. September 2014. Schmidt: „Wie lang soll sich das noch hinziehen? Andere Leidensgenossen, die möglicherweise deutlich älter sind als ich, erleben eine Hilfeleistung vielleicht gar nicht mehr.“

Info: Fonds Heimerziehung
Ehemalige Heimkinder mit Hamburger Wohnsitz, die von 1949 bis 1975 in der Bundesrepublik Deutschland in einer stationären Erziehungseinrichtung untergebracht waren und dort misshandelt wurden, können sich im Hamburger Versorgungsamt, Beratungsstelle, Adolph-Schönfelder-Straße 5, 22083 Hamburg (10. Stock) beraten lassen und Hilfeleistungen beantragen. Diese umfassen vor allem Sachleistungen wie etwa Therapiekosten.
Sprechzeiten: Montag und Donnerstag von 8 bis 16 Uhr sowie nach Vereinbarung
Tel 428 63 71 71, Tel 428 63 71 66.

Personal wurde schon aufgestockt
Das Wochenblatt fragte bei der Sozialbehörde nach
Elbe Wochenblatt (EW): Stimmt es, dass Beratungstermine bis zu einem Jahr im Voraus vergeben werden müssen?
Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration (BASFI): Ja, es gibt eine entsprechende Warteliste für Erstberatungstermine. Dies ist jedoch nicht nur in Hamburg so, sondern in anderen Bundesländern ähnlich. Zum 7. Ok-tober wurde die Hamburger Anlauf- und Beratungsstelle personell verstärkt, auch um die Warteliste zu verkürzen.
EW: Wie viele Anfragen gab es in welchem Zeitraum in Hamburg?
BASFI: Bis zum 15. Oktober haben insgesamt 463 Personen Kontakt aufgenommen und einen Erstberatungstermin vereinbart, von denen bereits 308 Termine stattgefunden haben, weitere 155 Termine sind vergeben worden. Es wurden bisher insgesamt 546 Anträge gestellt von 308 Personen (2012: 249, 2013 bisher: 297), von denen alle antragsberechtigt waren.
EW: Wie viele Mitarbeiter gibt es beim Heimkinder Fonds Hamburg?
BASFI: Es arbeiten insgesamt vier Sachbearbeiter/innen auf 3,5 Stellen in der Hamburger Anlauf- und Beratungsstelle.
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1 Kommentar
7
Rainer Schmidt aus Altona | 01.11.2013 | 00:21  
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