Punks und Politik

Waren mit knapp 50 Leuten dabei, als ihre Zukunft in der Bezirksversammlung diskutiert wurde: Punks und Wohnungslose von der Stresemannstraße.
 
Eigentlich ganz gemütlich - aber wehe, wenn es richtig kalt wird.

Wie geht es weiter mit den Wohnungslosen auf dem Gelände Ecke Stresemannstraße und Kieler Straße?

Wenn zwei Welten aufeinanderprallen, wird es laut. Tumult auf der letzten Sitzung der Bezirksversammlung Altona. Auf der einen Seite: Politiker und Verwaltungsmitarbeiter. Auf der anderen: Punks und Obdachlose, die – zum Teil seit Jahren – in Zelten und Bretterbuden auf der Brachfläche zwischen Stresemannstraße, Kielerstraße und Oeverseestraße wohnen.
Die Menschen aus dem selbst errichteten Camp sollen weg. Sie wollen aber bleiben. Ihr Versuch, Verständnis zu finden, scheiterte genau so kläglich wie der Versuch der Politik, ihnen begreiflich zu machen, dass ihr Leben außerhalb bürgerlicher Normen an dem Ort, den sie sich dafür ausgesucht haben, nicht möglich ist. Und zwar nicht nur, weil das Gelände jemandem gehört, der hier bauen will und soll. Sondern auch, weil die Verantwortung drückt. Hier wohnen Menschen in zusammengezimmerten Barack-en und Zelten. Das können Verwaltung und Politik auf Dauer nicht billigen. Mark Classen (SPD): „Der Winter kommt. Stellen Sie sich vor, jemand kommt zu Schaden. Erfriert, oder erstickt im Schlaf bei dem Versuchen zu heizen. Das wäre nicht auszudenken. Das kann so nicht bleiben.“ Einmal soll es auf dem Gelände schon gebrannt haben.
Ganz anders sieht das Milena, die versucht, die Lage aus ihrer Sicht zu erklären: „Stell dir vor, da kommt jemand und behauptet, du musst weg, weil dein Zuhause nicht sicher ist. Dabei ist es das beste Zuhause, was du je erlebt hast, wärmer und sicherer als alles zuvor!“ Ihr Nachbar bestätigt: „Ich hab schon bei unter 20 Grad draußen gewohnt. Wieso kümmern die sich hier überhaupt? Wenn du unter der Brücke schläfst, brauchst du doch auch keine Genehmigung!“
Am Dienstag, nach Redaktionsschluss, wurde im Sozialausschuss ein neuer Versuch gestartet, zu einer Lösung zu kommen.
Zum Hintergrund: Seit rund zehn Jahren liegt das 7.491 Quadratmeter große Gelände brach. Früher stand hier ein Autohaus, dann wurde die Fläche von Burim Osmani gekauft, der sie an das Hildesheimer Unternehmen Hanseatic Holding AG weiterverkaufte. Das hat vor, hier Studentenwohnungen, Mietwohnungen, auch geförderte, Gewerbe und eine Tiefgarage zu bauen. Seit den ersten Planungen sind inzwischen allerdings fast sieben Jahre vergangen. Und es scheint auch noch weiter zu dauern. Angeblich sollen die Antragsunterlagen noch nicht vollständig vorliegen.


Marsmenschen
Ein Kommentar von Christiane Handke-Schuller

In völliger Fremdheit stehen sich Politik und – in diesem Fall: sehr spezielle – Bürger gegenüber. Der Eindruck: Da finden sich zwei Gruppen von Menschen gegenseitig so seltsam wie Marsmenschen.
Hier die Politik mit ihren beinharten Versammlungsriten: Rede dazwischen und du bist kein Demokrat. Dort die Punks, wild gepierced und barfuß, fassungslos darüber, dass ihr Wunsch nach einem Zelt, einer Matratze, einem Quadratmeter Erde und danach, sonst einfach in Ruhe gelassen zu werden, nicht erfüllt werden kann.
Eigentlich sollte Sprache Gruppen verbinden – man spricht ja schließlich auf beiden Seiten Deutsch. Jedenfalls die Punks. „Fick dich“ ist zwar unhöflich, doch es versteht jeder. Aber was spricht die Politik? Auf der Bezirksversammlung wurde ständig vom „Sasig“ geredet. Hä? Es ist der Ausschuss für Soziales, Arbeit, Senioren, Integration und Gleichstellung. Das wissen allerdings nur Eingeweihte. Wer das aber wissen sollte, sind die Punks, denn im „Sasig“ soll ihr Problem konkreter diskutiert und bearbeitet werden. Wäre nett gewesen, man hätte ihnen das ganz offiziell vom Rednerpult aus gesagt, am besten gleich mit Ort und Zeit.
Tja, manchmal sind die Marsmenschen nicht die, die danach aussehen, sondern die, die Marsianisch sprechen....
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