Politik der kleinen Schnitte

Behçet Algan. Foto: stahlpress medienbüro

Behçet Algan ist Altonas heimlicher Bürgermeister

Folke Havekost, Altona

Wenn Behçet Algan durch die Bahrenfelder Straße in Altona-Ottensen geht, wird er geschätzt alle zehn Meter gegrüßt. Kaum jemand, der den Friseurmeister nicht kennt, der 1979 vor der politischen Gewalt im Vorfeld des türkischen Militärputsches aus Adana nach Hamburg floh und für die SPD im neunten Jahr in der Bezirksversammlung Altona (Ausschuss für Naturschutz und Sport) sitzt.
Beharrlichkeit zeichnet den 62-Jährigen aus. Das damalige Arbeitsverbot für Zuwanderer zwang ihn, zunächst als Geschäftspartner in den Salon in Altona einzusteigen, ehe er ihn 1982 übernahm. „Wenn die eine Seite Nein sagt, findet die andere Seite eine Alternative“, lautet seine Devise. „Ich glaube an die Macht des Gesprächs. Wenn Menschen miteinander reden, können sie den Weg zu Frieden finden.“
Der „Olaf-Scholz-Haarschnitt“ als Wahlkampf-Gag
Auf Symbolik versteht er sich aber auch: Seine deutsch-türkische Fahnencollage (schwarz-rot-gelb mit Sichel und Stern) anlässlich der WM 2006 hat es (ganz ohne Bestechung) ins Fifa-Museum nach Zürich geschafft. Die Leidenschaft für Fußball hat der Beckenbauer-Fan an seine Söhne weitergegeben: Berkan, das älteste seiner drei Kinder, trainiert den Fünftliga-Klub Altona 93. Der jüngere Faik spielt für den Stormarner Kreisligisten Oststeinbeker SV.
Während seine Partei in Hamburg regiert, widersetzen sich die türkischen Sozialdemokraten mit mäßigem Erfolg der autokratischen Politik von Präsident Recep Tayyip Erdogan. „Von Bülent Ecevit habe ich gelernt, dass man gegen alle Verbote Hand in Hand kämpfen kann“, erwähnt Algan den mehrmaligen Ministerpräsidenten Ecevit, der wie kaum ein anderer für eine moderne und weltlich ausgerichtete Türkei steht. Ein gefährdetes Erbe, wie der regelmäßige Besucher seines Geburtslandes beklagt: „Einzelne Stadtteile von Istanbul wirken inzwischen eher wie Saudi-Arabien.“
Bei der 35-Jahr-Feier der Salonübernahme vor einigen Tagen kam auch Bürgermeister Olaf Scholz, den Algan aus der Juso-Zeit in den 1980er-Jahren kennt und schätzt. Zur Bürgerschaftswahl 2015 warb er für den Genossen mit dem „Olaf-Scholz-Schnitt“, der nur 4,99 Euro kostete, angesichts der überschaubaren Haarpracht des Bürgermeisters aber auch zu den einfacheren Übungen der Frisierkunst zählt. „Damals kamen Kunden aus Kiel und Lübeck, eine Dame hat sogar nach einem Gutschein für ihren Freund gefragt“, erinnert sich Algan an den Wahlkampf-Gag.
Bei der Jubiläumsfeier am Dienstag überreichten er und Ehefrau Behiye dem obersten Hamburger ein gesticktes Bild, das Scholz mit seiner Gattin Britta Ernst zeigt. Für den Altonaer Lokalpolitiker wäre Schleswig-Holsteins Schulministerin die ideale Nachfolgerin auf dem Bürgermeisterstuhl. „Schließlich wollen wir Olaf Scholz irgendwann als Bundeskanzler sehen“, sagt Algan bestimmt.
Dafür ist einige Beharrlichkeit vonnöten. Und vielleicht auch eine Politik der kleinen Schnitte.
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