Ottensens Schickeria - ein zeitgemäßes Brechmittel. Altona, Quo Vadis?

Bestimmt kennt jeder das Gefühl, wenn sich kleine Alltagsärgernisse summieren und einem am Ende fast der Kragen platzt. Mir geht es jedenfalls schon länger so. Aber jedes Mal sage ich mir, dass es die Energie nicht wert ist, darüber einen Artikel zu schreiben. Vielleicht hätte ich diese Haltung beibehalten, wenn nicht heute… aber lassen Sie uns doch, bevor wir in die Gegenwart einsteigen, ein paar Jahre zurückgehen.
Ich lebe seit etwa zwanzig Jahren in Altona / Ottensen und habe einige Umzüge innerhalb des Stadtteils gemacht. Bevor das Mercado seine Türen öffnete war Ottensen ein angenehmes und gemischtes Viertel. Etliche soziale Projekte und Institutionen waren hier angesiedelt und die Mieten noch bezahlbar. Stillstand gab`s in Altona nie und das ist auch gut so. Wo Seele ist, darf gewachsen werden. Schließlich trägt der Samen das Korn.
Trotzdem, oder gerade deshalb lohnt es manchmal beim Wachsen innezuhalten und sich Fragen zu stellen. Eine könnte derzeit lauten: Quo Vadis, Altona?
Denn Neureiche oder solche, die`s gern wären, leben in Ottensen schon seit Längerem in Wohnblocks, hinter verschlossenen Toren. Sie möchten auf diese Art ihren Lebensstandard und auch die schicke Eigentumswohnung vor dem Rest der Welt schützen. Ihre Kinder sind die, die oft nur quengelnd kommunizieren und mit der gleichen arroganten Schnute wie ihre Eltern herumstolzieren. Beide verhalten sich übrigens so, als wäre Ottensen ihr Königreich und Die Anderen das Fußvolk.
Zur Fortbewegung nutzen Erstere am Liebsten einen V70, XC60 und den protzigen XC90. Dabei haben sie es auf der Straße immer eilig; schließlich darf man auf keinen Fall verspätet zu Geigenunterricht und Hockeytraining erscheinen. Diese Leute mit ihren mega coolen Sonnenbrillen und Luis Vuittons Handtaschen sind wie eine Seuche, die sich scheinbar unaufhaltsam verbreitet. Sie stinken nach Gucci und Dior, tragen Labels, die billigst in Asien, etc. produziert werden und allein deswegen schon alles andere als cool sind.
Die Ottensener Schickeria ist genauso peinlich wie dreist. Sie benimmt sich als kenne sie gar kein Benehmen – und manchmal auch keine Skrupel. Auf Flohmärkten ist sie fast immer die Erste, die sich auf Kinderkleidung stürzt. Wenn`s sein muss, nimmt sie dafür sogar die Fortbewegung per pedes in Kauf. Sie verstopft Bars, Cafés und Restaurants, die ihrerseits das dicke Geld wittern und die Preise gleich ordentlich anziehen. Aber nicht nur das – sie treibt die Mieten in die Höhe, so dass ein kleines portugiesisches Café oder eine Buchhandlung aufgeben muss, weil die neue monatliche Miete in Höhe von 3.000 € nicht aufgebracht werden kann.
Stattdessen sprießen überteuerte Läden, wie z.B. Fehmale Fashion, B.Sweet, Estomo und Das Kochhaus wie Pilze aus dem Boden. Ich bin für eine Meldepflicht, neben Masern und Noro Virus. Zuviel Schicki macht Ottensen kaputt. Schaun` wir uns doch nur mal um, Werbefuzzis und Business-People machen sich breiter als dem Stadtteil gut tut. Sie parken ihren Porsche mittags auf Radwegen oder im Halteverbot um schnell mal Regionales im Bio-Supermarkt zu kaufen. Ihr Gebären auf dem Wochenmarkt ist mehr als großkotzig, es ist zeitgemäßes Brechmittel. Ich freu` mich jedes Mal, wenn ich sehe, dass sie viel Geld für regionales Gen-Gemüse ausgeben, das ein Marktstand (der etwa so aufgemotzt ist wie die Familienkutsche) wöchentlich auf dem Markt am Spritzenplatz anbietet. Tja, es ist eben nicht immer Gold, was glänzt und hohle Nüsse gibt`s eben auch nicht erst seit gestern.
Eines weiß ich, diesen Zuständen in Ottensen muss Einhalt geboten werden. Es kann und darf nicht sein, dass Geld und Gier zukünftig das Stadtbild prägen. Am Ende bleibt sonst ein Viertel über das todkonsumiert ist – und das wäre wirklich sehr, sehr schade.
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