Opfer der Ganztagsschule

Voller Leben ist die „Flohkiste“ heute noch ... wird das morgen vorbei sein? Wegen der Einführung der Ganztagsschule stirbt eine kleine, individuelle Möglichkeit der Schulkinderbetreuung aus.

Tagespflegestelle für Schulkinder steht vor dem Aus.

In der „Flohkiste“ in der Bernadottestraße 7 kümmern sich seit 17 Jahren Tagesmütter um Schulkinder. Holen sie nach der Schule ab, kochen für sie und essen mit ihnen, helfen bei den Hausaufgaben, spielen, basteln und lachen, kümmern sich. Die Flohkiste ist für Generationen von Schulkindern zweites Zuhause gewesen. Doch jetzt droht dieser Tagespflege-Einrichtung plötzlich das Aus. Schuld ist die Einführung der Ganztagsschule.
Tagesmutter und Erzieherin Ute Hannemann: „Im Moment ist die Ganztagsschule Mode. Aber wenn in ein, zwei Jahren Eltern merken: Meinem Kind geht es in diesem Massenbetrieb nicht gut, es ist doch besser, wenn es nachmittags in kleinerem, kuscheligen Rahmen betreut wird - dann ist es zu spät. Dann sind Einrichtungen wie unsere verschwunden.“ 
15 Kinder werden in der Flohkiste von drei Tagesmüttern betreut, während in der Schule 23 Kinder auf einen Erzieher kommen. Hannemann weiß: „Das vertragen nicht alle Kinder. Es gibt Jungen und Mädchen, die individuellere Betreuung brauchen.“
14 der 15 „Flohkisten“-Kinder besuchen die Schule Rothestraße. Keines davon wird im nächsten Schuljahr mehr in die „Flohkiste“ kommen. Der Grund: Die Schule Rothestraße wird gebundene Ganztagsschule – die Kinder müssen vor- und nachmittags in der Schule sein. Hanneman: „Die Mutter einer unserer Drittklässlerinnen hat in der Schule nachgefragt, ob ihre Tochter das eine Jahr, das sie dort noch zur Schule geht, nachmittags bei uns verbringen kann - aber es werden keine Ausnahmen gemacht.“ Eltern, die ihr Kind bisher vormittags in die Schule Rothestraße und nachmittags zu den Tagesmüttern geschickt haben, müssen sich also entscheiden: Auf eines von beiden - Schule oder Tagesmutter - müssen sie verzichten. Hannemann: „Dass die Eltern ihre Kinder nicht umschulen wollen, verstehe ich natürlich.“
Für das nächste Schuljahr wurde bisher nur ein Kind in der „Flohkiste“ angemeldet. Das geht in die Schule Trenknerweg - dort können sich Eltern aussuchen, ob sie ihr Kind nachmittags in der Ganztagsschule oder bei Tageseltern betreuen lassen oder nach Hause holen.
Kann die „Flohkiste“ nicht einfach auf Krippenkinder umstellen? Das geht nicht, erklärt Hannemann: „Unser Mietvertrag verbietet das. Außerdem sind in Ottensen inzwischen Dutzende von Hortplätzen in Krippenplätze umgewandelt worden - davon gibt es hier genug.“
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