„Nicht wirtschaftlich“

Klaus Pervoelz in seiner Wohnung in der Neustadt. Foto: mg

Vor Jahren bezahlte die Kasse Klaus Pervoelz (76) ohne Probleme einen Stuhl mit Aufstehhilfe. Jetzt ist dieser kaputt, und er muss für einen neuen bis vors Sozialgericht ziehen

Wenn Klaus Pervoelz aufstehen will, braucht er Hilfe. Der 76-Jährige leidet an Arthrose in beiden Knien und seit Geburt an einer gespaltenen Wirbelsäule. Seine schwerbehinderte Frau kann ihm nicht aufhelfen, deshalb verordnete ihm sein Arzt 2001 einen Arthrodesenstuhl mit elektrischer Aufstehfunktion. „Vor einem Jahr ging die Aufstehhilfe kaputt. Sie ist nicht mehr zu reparieren. Da begann mein großes Problem mit meiner Krankenkasse, der Deutschen BKK“, sagt Pervoelz.
Obwohl ihm sein Arzt einen neuen Stuhl verordnet, hat man es bei der Hilfsmittelabteilung der Deutschen BKK nicht eilig. Drei Monate nach dem Antrag wird dieser abgelehnt. Pervoelz legt Widerspruch ein, worauf der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) eingeschaltet wird. In einem Gutachten kommt der MDK zu dem Schluss, der 5.731 Euro teure Arthrodesenstuhl sei „nicht wirtschaftlich“. Empfohlen wird ein elektrischer Relax-Sessel, wie er etwa im Internet für 247,99 Euro erhältlich sei. Die Hilfsmittelabteilung der BKK kann einen solchen Stuhl nicht anschaffen, weil es sich um ein Möbelstück und kein medizinisches Hilfsmittel handele. Die BKK empfiehlt stattdessen einen „Katapultsitz“ und schickt kurz vor Weihnachten einen Angestellten eines Sanitätshauses zu Pervoelz. „Der Herr hat sich meinen defekten Arthrodesenstuhl genau angesehen. Er sagte mir, ein Katapultsitz sei nicht geeignet für mich“, so Pervoelz.

„Das alles belastet mich und meine Frau sehr“, so Pervoelz

Da die BKK auch den zweiten Widerspruch von Pervoelz endgültig ablehnt, klagt er nun vor dem Sozialgericht. „Das alles belastet mich und meine Frau sehr“, sagt Pervoelz, der sich dennoch nicht unterkriegen lassen will.
Eine Sprecherin der Kasse verweist auf Anfrage des Elbe Wochenblatts auf das Gutachten des MDK: „Der Arthrodesenstuhl stellt eine Wunschversorgung über dem Maß des Notwendigen dar und kann daher nicht von der Deutschen BKK übernommen werden.“ Dass ein solcher Stuhl in offenbar besseren Zeiten genehmigt wurde, ändere daran nichts. „Insofern ist auch stets eine andere Beurteilung eines Antrages möglich. Es mag komfortabel sein, mit dem Stuhl durch die ganze Wohnung zu fahren und überall wie von Geisterhand aufzustehen. Alle Gutachten besagen aber, dass Herr Pervoelz sich alleine am Stock bewegen kann. Die Hilfe beim Aufstehen erfüllt daher der Katapultsitz“, so die Sprecherin.
Nach über einem Jahr, in dem Klaus Pervoelz auf fremde Hilfe beim Aufstehen angewiesen ist, hofft er nun auf die Sozialrichter. Weil die Verfahren lange dauern, klagt er zusätzlich auf Kostenübernahme im Eilverfahren. Bei der BKK hat man es nicht eilig: Es sei für Herrn Pervoelz zumutbar, den Ausgang des Hauptsacheverfahrens vor dem Sozialgericht abzuwarten, schreibt die Rechtsabteilung im Schriftsatz ans Gericht.
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