Neubau zu teuer für Altmieter

Im Jahr 2009 brannte das Haus Bahrenfelder Kirchenweg 38/40 ab. Es war mehr als 100 Jahre alt.
 
Das neue Haus in der denkmalgeschützten Reihe wird liebevoll und bis ins Detail seinen über 100-jährigen Nachbarn angepasst. Das kostet.

Genossenschafts-Haus nach Brand neu errichtet - Miete wurde stark erhöht.

Genossenschaften gelten als Vermieter, die ihre Mietpreise sozialverträglich gestalten. Dass aber auch Genossenschaften bei Neubau-Wohnungen „hohe“ Mieten nehmen, zeigt das Beispiel des Hauses Bahrenfelder Kirchenweg 38/40 vom Altonaer Spar- und Bauverein Altoba.
Mitten in einer langen geschlossenen Reihe rund 100 Jahre alter Backsteinhäuser hat dieses neue Haus gerade Richtfest gefeiert. Es wurde der Not gehorchend erbaut. Denn der ursprüngliche Bau brannte im Oktober 2009 aus. Totalschaden, Abriss, Neubau.
Da das Haus aber, wie die gesamte Häuserreihe, unter Denkmalschutz steht, war der Altoba verpflichtet, das neue Haus so zu errichten, dass von außen kein Unterschied zum Vorgänger zu sehen ist.
Innen ist das Haus völlig umgestaltet. Anstelle von zwölf Zweizimmerwohnungen, in denen winzige Duschbäder in ehemalige Speisekammern gezwängt waren, gibt es jetzt acht, laut Altoba: „familiengerechte, große Wohnungen mit zeitgemäßer Ausstattung und einem hohen energetischen Standard“.
Den ausgebrannten Mietern war versprochen worden: Ihr könnt in das Haus zurück, wenn es fertig ist. Allerdings nicht zu den alten Mietpreisen. Altoba-Sprecherin Silke Kok: „Die Wohnungen werden den ehemaligen Bewohnern der Brandhäuser für 9,75 Euro nettokalt angeboten. Für alle weiteren Mieter beträgt die Nettokaltmiete 11,60 Euro." Im Bahrenfelder Dreieck beträgt die durchschnittliche Miete derzeit rund 7,25 Euro nettokalt im Altbau. Das Resultat: Nur einer der Altmieter ist an einer Rückkehr interessiert.
Sonja Brandt ist es nicht, obwohl sie und ihre Familie liebend gern zurückgekehrt wären: „Aber als die Pläne auf dem Tisch lagen und wir das durchgerechnet haben, kamen wir zu dem Schluss: Das können wir nicht.“ Vorher bewohnte Familie Brandt im Altbau zwei nebeneinander liegende Zweizimmerwohnungen mit Garten. Warmmiete für insgesamt 94 Quadratmeter: 905 Euro.
Die neue Wohnung, 128 Quadratmeter, vier Zimmer, käme auf eine Warmmiete von fast 1.600 Euro.
Trotz der Ernüchterung und der Trauer um die alte Wohnsituation, ist Sonja Brandt zufrieden mit der Wohnung, die sie nun von der Genossenschaft bekommen hat. Sie liegt in der Nähe und ist bezahlbar: „Das ist schon in Ordnung.“
Auch wenn die Altmieter abwinken - der Altoba braucht sich keine Sorgen um die Vermietbarkeit des Neubaus zu machen. Silke Kok: „Es haben sich rund 80 Interessenten explizit für dieses Bauvorhaben vorgemerkt.“

Die Genossenschaft und ihre Stadt
Im Jahr 1892 wurde der Altonaer Spar- und Bauverein gegründet, um „billige, gesunde und nach Größe und Beschaffenheit den Lebensgewohnheiten des kleinen Mannes entsprechende Wohnungen in ausreichender Zahl zu schaffen“. 120 Jahre später verfügt die Altonaer Spar- und Bauverein eG (kurz: Altoba) über rund 6.600 Wohnungen sowie 14.000 Mitglieder und hat das Bild des heutigen Bezirks Altona wesentlich geprägt.
Zu einer Zeitreise durch die Vergangenheit der altoba lädt das Buch „Eine Genossenschaft und ihre Stadt. Die Geschichte des Altonaer Spar- und Bauvereins“. Dr. Holmer Stahncke, Historiker und Journalist, präsentiert Fakten, Erzählungen und bisher unveröffentlichte Fotografien aus 120 Jahren und gibt einen Eindruck davon, welche Schwierigkeiten die Gründungsväter der Genossenschaft zu bewältigen hatten. „Mit seinem Anliegen, die elenden Wohnverhältnisse in Altona zu verbessern, erntete der Altonaer Spar- und Bauverein in seinen Gründungsjahren nicht nur Sympathien“, berichtet er. „Die Stadt wollte lieber wohlhabende Neubürger gewinnen, statt Handwerkern und Arbeitern preisgünstigen Wohnraum anzubieten. Auf der anderen Seite polemisierten Sozialdemokraten gegen die Baugenossenschaften, weil diese angeblich mit guter Wohnqualität den Kampfgeist der Arbeiter schwächten.“
„Eine Genossenschaft und ihre Stadt. Die Geschichte des Altonaer Spar- und Bauvereins“ 136 Seiten, 120 historische und Farbabbildungen. Dölling und Galitz Verlag, ISBN 978-3-86218-033-2, 24,90 Euro
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