Kühlen ohne Strom als Kunst

Julia Kaiser und ihre Entwicklung, die Kühlglocke „Glosch“. Foto: vierfotografen

Designerin Julia Kaiser bringt alte Kulturtechniken in Form, wie bei der Kühlglocke „Glosch“

Folke Havekost, Hamburg

Vielleicht liegt das Glück der Tomate in einem Hinterhof in Hammerbrook. Neben einer Autovermietung begrüßt uns Julia Kaiser und führt uns einige Stufen hinauf zu ihrem Atelier. Und zur Glosch, ihrer Kreation zur Lebensmittelkühlung ohne Strom. „Das ist meine Interpretation einer vergessenen Kulturtechnik“, erklärt Kaiser, „früher hat die agrarische Bevölkerung Wurzelgemüse im feuchten Sand gelagert. Das war simpel, aber eine gute Technik. Ich frage mich, welchen Stellenwert solche Techniken in einem urbanen Umfeld haben können.“
In den Hohlguss wird Wasser gefüllt, das nach außen verdunstet. 95 Prozent Luftfeuchtigkeit sorgen für eine Kühlung auf zehn Grad und eine aromaschonende Aufbewahrung für Gemüse oder Käse. Der Name Glosch lehnt sich bewusst an die französische Servierglocke Cloche an, nur dass diese Speisen warm halten soll.

Die Altonaerin wuchs im Alten Land auf

Die Altonaerin teilt ihre Atelier-Etage in der Süderstraße mit einer Modedesignerin, einem Fotografen und zwei bildenden Künstlern. Als wir in Hammerbrook vorbeischauen, bereitet sich Kaiser gerade auf eine Startup-Vorstellung vor 200 Zuhörern an der TU Harburg vor. „Als Designerin bin ich nach zwei Jahren an einem Punkt angekommen, wo ich technische Unterstützung brauche, um das Prinzip zur Marktreife zu bringen.“
Geboren wurde die 29-Jährige in Pforzheim, aufgewachsen ist sie im Alten Land. „Vielleicht liegen da die Beweggründe für die Beschäftigung mit meinen Themen“, vermutet Kaiser. Die Wiederaneignung traditioneller, schonender Umgangsweisen mit der Umwelt zieht sich durch ihre Projekte, mit denen sie alte Kulturtechniken in Form bringt. 2015 fuhr sie mit einer mobilen Presse und Wagenheber nach Agathenburg, um den Gewinn von „Apfelsaft als Naturerlebnis“ zu dokumentieren. Das Zurück zur Natur ist für die Absolventin der Akademie für Mode und Design kein Rück- schritt. „Wir müssen uns nicht mehr selbst versorgen“, sagt Kaiser: „Heute geht es eher um Wertschätzung und Genuss.“
Seit Oktober arbeitet sie an „Fiasko“, einem Konzept, das Korbflechten und Porzellan vereinigen soll. Die Korbflechterei liegt fast um die Ecke, eine weitere Nische in Hammerbrook, dem im Krieg zerbombten und danach mit breiten Straßen und Gewerbe zugebauten Stadtteil. „Hier ist ganz viel, was man nicht ahnt“, sagt Kaiser nach zwei Jahren im Atelier, „hier gibt es Freiräume, die noch besetzt werden können.“ In der Künstlerszene wird das gar nicht ganz so graue Viertel bisweilen „Hammerbrooklyn“ genannt.
Für die Glosch geht’s aber erstmal über die Elbe von Hammerbrook nach Harburg. Heute besucht die Designerin das Institut für Technische Thermodynamik, um Fragen zur Verdunstungskühlung mit einem TU-Professor zu besprechen.
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