Kolbenschmidt-Gelände: Firmen wollen bleiben.

Wohnen und Arbeiten: So soll das Gelände nach der Vorstellung der Architekten später einmal aussehen. (Foto: Grafik: Coido)

Bezirk möchte Wohnungen bauen – kein Platz für Gewerbe?

Von Christopher von Savigny.
Das riesige Gelände an der Friedensallee wirkt am Freitagnachmittag wie ausgestorben. Doch der Eindruck täuscht: In den ehemaligen Hallen des Metallverarbeiters Kolbenschmidt wird immer noch fleißig gewerkelt. Tobias Trapp, Geschäftsführer der ansässigen Motorrad-Selbsthilfewerkstatt, schraubt an einer schwarzen Suzuki herum. „Ein Anrecht darauf hierzubleiben haben wir eigentlich nicht“, sagt er. Aber so pessimistisch klingt er dabei nicht. Denn die 26 Betriebe auf dem rund 36.000 Quadratmeter großen Areal haben ihre eigenen Pläne. „Wir wollen eine Genossenschaft gründen, um das Gewerbe hier fest zu verankern“, sagt Trapp, der auch Vorsitzender des Vereins „Kolbenhof e. V.“ ist (siehe Interview).
Das Gelände neben dem markanten Hermes-Hochhaus ist heiß begehrt: In wenigen Jahren sollen hier Wohnhäuser stehen. Ende 2013 hat der Bezirk Altona ein Bebauungsplanverfahren gestartet, bei dem die bisherige gewerbliche Nutzung um den Zusatz „Wohnen“ erweitert werden soll. Grundlage ist ein Entwurf des Hamburger Architekturbüros Coido, der bei einem Wettbewerb im vergangenen Dezember zum Sieger gekürt wurde. 463 Wohnungen will Coido bauen, jede im Durchschnitt 75 Quadratmeter groß. Zwischen den Häusern sollen Plätze, Terrassen und ein „Spiel- und Spaßhof“ zum Verweilen einladen. Etwa ein Viertel der alten Hallen dürfen stehen bleiben – dort soll später das Gewerbe einziehen, das jetzt noch über das gesamte Gelände verteilt ist. 50 Prozent der Fläche fordern die Mitglieder von „Kolbenhof“ – nach den derzeitigen Plänen sind es aber nur 30 Prozent. „Da muss noch nachgebessert werden“, sagt Trapp.
Christian Trede, Bezirksabgeordneter der Grünen in Altona, hält den Entwurf dennoch für gelungen: „Städtebaulich ist das eine sehr gute Lösung“, so Trede, der auch die Genossenschaftspläne unterstützt. „Unser Ziel ist es, alle Betriebe zu erhalten!“
Viel tun dürfte sich in nächster Zeit allerdings nicht: „Bis ein Bebauungsplan durch ist, dauert es mindestens zwei Jahre“, sagt Kerstin Godenschwege, Sprecherin des Bezirksamts Altona.


Was die Nutzer des Kolbenschmidt-Geländes sagen:

Sebastian Höhne, Bildbearbeiter: „Ich bin jetzt seit einem Jahr hier. Die Anzeige dazu habe ich übers Internet gefunden. Die Location ist günstig gelegen, die Miete nicht allzu teuer. Die großen Fenster bieten den ganzen Tag über genügend Licht zum Arbeiten. Zur Bus- und S-Bahn-Haltestelle muss man nicht weit laufen. Aber es gibt auch Probleme: Anfang Februar hatten wir auf dem Gelände einen Wasserrohrbruch. Das Wasser ist in den darunterliegenden Transformatorraum gelaufen und hat die gesamte Elektrizität lahmgelegt. Eine Woche lang gab es weder Strom noch Heizung. Niemand konnte arbeiten! Inzwischen gibt es wenigstens einen Stromgenerator. Trotz der Schwierigkeiten möchte ich nicht weg.“

Pascal Snoeck, Geschäftsführer der Tischlerei Snoeck-
Wilke: „In Hamburg werden derzeit nur Wohnungen gebaut, das Gewerbe wird verdrängt. Im Fall des Kolbenschmidt-Geländes hat die Stadt deshalb einiges gutzumachen. Uns schwebt ein Mix aus Wohnen und Arbeiten vor, vielleicht noch mit einer Piazza und einem Café. Das Gelände bietet sehr viele Möglichkeiten! Wir würden gerne an diesem Standort bleiben. Allerdings geht das nur, wenn die Firma ihren Betrieb weiterhin im Erdgeschoss hat. Der Grund ist, dass wir häufig sehr große und schwere Lieferungen bekommen. Nach alldem was passiert ist, glaube ich nicht, dass man uns noch rausschmeißen kann. Falls doch, geht hier eine Granate los!“

Tobias Trapp, Geschäftsführer der Motorrad-Selbsthilfe Altona und Vorsitzender des Vereins Kolbenhof: „Der Verein fordert, dass wenigstens 50 Prozent der Fläche dem Gewerbe zugutekommt. Der aktuelle Entwurf sieht nur 30 Prozent vor, das ist auf jeden Fall zu wenig. Da muss nochmal nachgebessert werden. Wenn es so weit ist, möchten die Firmenbetreiber auf dem Gelände gerne eine Genossenschaft gründen. Dafür müsste Rheinmetall einen Teil des Areals an uns verkaufen. Nach Jahrzehnten der Industrienutzung ist es Rheinmetall dem Stadtteil schuldig, etwas für seine Entwicklung zu tun. Im Gegenzug bieten wir an, den gewerblichen Anteil zu übernehmen. Aber nicht zu unseren Lasten!“

Tom Hallek, Musikveranstalter und Chef eines CD-Versands: „Wir waren die ersten Mieter überhaupt auf diesem Gelände. Die Lage ist gut: Man hat hier erheblich günstigere Mieten als vergleichbare Objekte in der Innenstadt. Allerdings kümmert sich Rheinmetall nicht um die Instandhaltung: Nach dem Wasserrohrbruch und dem daraus resultierenden Stromausfall mussten wir uns selbst um einen Generator kümmern. Der reicht natürlich nicht für alle – fünf bis acht Mal am Tag fällt der Strom aus. Uns ist kürzlich das gesamte Computer-Backup verlorengegangen. Sowas ist natürlich ärgerlich. Wegen des Stromausfalls wird es einen Rechtsstreit geben. Trotz der Nachteile hoffe ich, dass keiner der Nutzer hier das Handtuch wirft.“
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