Koffer erzählen Geschichten

Zum ersten, zum zweiten, zum dritten: Felix Tolle und Inka Peschke versteigerten 18 Koffer und Taschen. Foto: cvs

Seemannsheim am Michel versteigerte Gepäckstücke ehemaliger Bewohner

Von Christopher von Savigny.
Den Beruf des Seemanns hat auch heute noch etwas Geheimnisvolles an sich: Seemänner kommen herum, lernen die Welt kennen, erleben Abenteuer. Im Gepäck eines Matrosen finden sich Schrumpfköpfe, Schatzkarten und dergleichen mehr – jedenfalls ist es extrem spannend, sich das vorzustellen.
Solcherart Neugier treibt die rund 150 Schaulustigen an, die sich im Erdgeschoss des Seemannsheims am Michel versammelt haben: 18 Koffer und Taschen ehemaliger Bewohner werden an diesem Tag versteigert. Das Gedränge ist enorm: Heimleiterin Inka Peschke hat sogar den benachbarten Frühstücksraum öffnen lassen, um Platz zu schaffen. „Der Ansturm hat uns überrascht“, sagt sie.
Und dann geht es los: Eine karierte, etwas billig aussehende Tasche kommt als erstes unter den Hammer. Anfangsgebot fünf Euro. Zehn Euro, 15 Euro, 20 Euro. Für 55 Euro geht das gute Stück schließlich weg. Maren Weidemann, Reporterin bei einem lokalen Radiosender, hat das mysteriöse Gepäckstück ersteigert. Was drin ist, soll erstmal ein Geheimnis bleiben. „Wir wollen den Koffer unter unseren Hörern verlosen“, sagt sie.
Die Gebote steigen: 60 Euro kostet das zweite Auktionsobjekt, 70 Euro das dritte. Und jetzt wird auch ausgepackt: Ein paar Oberhemden, ein Wasserkocher, Taschentücher, Pappbecher – na ja, das war noch nicht der ganz große Wurf. Der nächste Koffer, ein rotes Hartschalen-Monster, wird unter Zuhilfenahme eines Schraubenziehers geöffnet. Ergebnis: Ein paar (frisch gewaschene) Sweatshirts, einige Musikkassetten, viele dicke Aktenbücher mit Lohnabrechnungen. Und ein abgelaufener ghanaischer Pass. Schätze sind hier nicht zu erwarten. Immerhin soviel: Kofferinhalte erzählen Geschichten. Wer Inspiration für einen neuen Roman sucht, wird im Seemannsheim fündig.
Über 1.000 Euro nimmt das Haus heute ein. „Ein tolles Ergebnis“, freut sich der stellvertretende Leiter Felix Tolle. Vor vier Jahren gab es die letzte Auktion: Einer der ersteigerten Koffer war bis zum Rand mit Geschirr aus dem Seemannsheim gefüllt. „Das hatten wir die ganze Zeit vermisst!“, lacht Tolle.
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