Knorrig und torgefährlich

Werner Erb im Jahr 1958 (l.) im Trikot von Altona 93 gegen Uwe Seeler vom HSV am Rothenbaum. Foto: Hans-Dietrich Kaiser, Archiv stahlpress)
 
Erb und das Nationaltrikot – zwei, die nicht zusammenpassten. Foto: stahlpress medienbüro

Werner Erb, Ex-Fußballer von Altona 93 verstarb im Alter von 84 Jahren

Volker Stahl, Altona

Werner Erb war gebürtiger Altonaer, in den 1950er-Jahren gehörte der Fußballer von Altona 93 zu den besten Stürmern in Deutschland, in der Nationalelf spielte aber er nie. Fußballerisch hätte es nach Expertenmeinung gereicht, doch sein Mundwerk war zu locker. „Ich wollte immer nur schießen, schießen, schießen“, blickte Werner Erb später auf glorreiche Kickertage zurück. Manchmal waren auch verbale Giftpfeile darunter. Der robuste Mittelstürmer war erfolgreich wie nur wenige Angreifer in den fünfziger Jahren. 135 Tore in der Oberliga Nord für Altona 93 und Bergedorf 85 – die nackte Zahl spricht eine deutliche Sprache. „Erb war athletisch, robust, links wie rechts schussstark, gut im Dribbling, Kopfballspezialist, hatte immer einen Kaugummi im Mund und schoss Tore, Tore, Tore“, schrieb der Fußball-Historiker Werner Skrentny über den Top-Torjäger.

Im Sommer machte Erb den Anstoß zur neuen Saison

Kaugummis kaute er auch als drahtiger älterer Herr noch gelegentlich. Allerdings nicht auf dem Platz, sondern in seinem Zeitschriften-Laden in Eidelstedt. Dort stand Werner Paul Willy Erb bis weit in seine 70er-Jahre täglich hinterm Tresen und verkaufte Lesefutter und Lungentorpedos aller Art – wenn er, meist so um die Mittagszeit, nicht gerade seine betagte Hündin Zoxi ausführte. Zoxi ist schon lange tot. Nun holte der Fußballgott auch ihr Herrchen heim. „Unerwartet“, wie sein Verein Altona 93 in seinem Nachruf vermerkte, denn Werner Erb habe „bis zuletzt“ gerne die Heimspiele des AFC im Stadion verfolgt. Noch zu Beginn dieser Saison eröffnete der knorrige ältere Herr die neue Spielzeit mit einem symbolischen Anstoß.
Als er den noch mit Stollenschuhen ausführte, nannte die Fußball-Fachpresse den Draufgänger im Strafraum 1955 in einem Atemzug mit dem jungen Uwe Seeler. Erbs Goalgetter-Qualitäten blieben auch dem damaligen Bundestrainer Sepp Herberger nicht verborgen. „Ich war seit meinem 18. Lebensjahr immer bei ihm im Training“, erzählte Erb gerne. Der Jungspund spielte mit Könnern wie Dieter Seeler in der Jugend-Nationalmannschaft und machte seine Sache bei einer Länderspielreise durch England so gut, dass britische Profiklubs ihn gleich auf der Insel behalten wollten: „Ich machte in jedem Spiel mein Ding, Aston Villa wollte mich sofort verpflichten.“ Doch daraus wurde nichts, weil Herberger den Junginternationalen lieber in der Heimat spielen sehen wollte.
Bald durfte der Daheimgebliebene auch mit den Herren Weltmeister trainieren. „Wat is dat denn, Du bist ja noch gar nicht geboren“, begrüßte Toni Turek, der leibhaftige „Held von Bern“, das Altonaer Milchgesicht bei dessen erstem Auftritt im Kreis der Nationalmannschaft. Nachdem Herberger Erbs Fähigkeiten bei einem Derby gegen St. Pauli, das Altona 93 mit 4:0 gewann, in Augenschein genommen hatte, stellte er dem zweifachen Torschützen den ersten Einsatz in der B-Nationalmannschaft in Aussicht. Erb reiste mit dem Team im März 1955 nach Sheffield, Herberger versprach: „In der zweiten Halbzeit spielst Du für den Osnabrücker Otti Meyer.“ Daraus wurde nichts. Herbergers Begründung klang wie Hohn in Erbs Ohren: „Die Engländer sind so hart, lasst uns so weiter spielen wie bisher.“ Das Spiel endete 1:1.
Zwei Monate später, am 28. Mai, stand ein A-Länderspiel auf dem Programm – in Erbs Heimatstadt Hamburg. Der Gegner hieß Irland. Erneut hatte Herberger dem jungen Stürmer Hoffnungen auf das Länderspiel-Debüt gemacht. Kurz vor der Pause forderte Herberger seinen Schützling auf: „Lauf dich schon mal warm!“ Erb sollte in der zweiten Halbzeit für den schwachen Biesinger eingewechselt werden. Doch daraus wurde wieder nichts. Als der Schiedsrichter zur zweiten Halbzeit anpfiff, hatte Erb bereits Fußballstiefel und Stutzen eingepackt und war mit einem Taxi von dannen gebraust. Von Herberger hatte er sich mit den Worten verabschiedet: „Weißt du was, du kannst mich mal am Arsch lecken!“ Das Endergebnis, 2:1 für Deutschland, erfuhr er aus dem Radio.
Für Dickschädel Erb war das Kapitel Nationalmannschaft damit besiegelt – obwohl er weitere Einladungen zu Lehrgängen bekommen hatte und von HSV-Idol Jupp Posipal bekniet wurde, es noch einmal zu versuchen. Mit dem Bundestrainer wechselte er nie wieder ein Wort.
Spiele der Nationalmannschaft in Hamburg guckte Erb nicht im Stadion, sondern im Fernsehen. „Eine Ehrenkarte habe ich noch nicht bekommen“, witzelte er vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen Island im Oktober 2003 in Hamburg. „Aber Deutschland wird das Spiel wohl auch ohne mich gewinnen.“ Am Ende stand es 3:0, Erb war wieder nicht dabei …
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