Keine Musik ohne Meldekarte!

Rory Charles aus Manchester kam mit seiner Musik gut an in Ottensen - dass er eine Meldekarte braucht, wusste er nicht.
 
Hoch oben auf der Stange: der Hinweis, dass die Straßenmusiker jetzt Meldekarten brauchen.
 
Jon Kenzie verkauft Rory Charles' Musik-Cds, während dieser in der Fußgängerzone ein Konzert gibt. Die beiden jungen Liedermacher aus England schwören auf ihre Arbeitsteilung: Wenn Jon seine Lieder vorträgt, verkauft Rory Jon's Cds. Allerdings: Das ist alles verboten.

Neue Regelung für Straßenmusiker in der Ottenser Hauptstraße

Sie kamen extra aus Manchester angeflogen, um in Hamburg auf der Straße zu musizieren: Jon Kenzie und Rory Charles sind begeistert vom Publikum auf der Ottenser Hauptstraße. Dass ihr kleines Konzert am Sonnabendnachmittag illegal ist und mit einem Bußgeld bestraft werden könnte - das ahnen sie nicht. Denn die Altonaer Bürokratie hat vor ein paar Tagen eine neue Regel eingeführt: Musik auf der Straße darf nicht sein ohne Meldekarte.
Ganz zufällig sind die beiden englischen Musiker in Ottensen gelandet. „First we were on the Moe... Moe... Moe...“, Jon bringt das Wort nicht heraus - ‘Mönckebergstraße’ ist für britische Lippen einfach zu schwierig. „But the police sent us away“, fügt er hinzu. Sie irrten eine Weile in Hamburg herum und fanden sich vor dem Altonaer Bahnhof wieder.
Die Passanten freuen sich - bis zu 150 Menschen hören Rory zu, als er seine sanften Lieder zum Besten gibt. Die Münzen klingeln im Gitarrenkasten, und Jon verkauft eine CD von Rorys Werken nach der anderen. Danach darf Jon singen und spielen, und Rory verkauft Jon’s CDs - echte Arbeitsteilung.
Weder Rory noch Jon noch ihre vielen Zuhörer wissen, dass über den beiden Musikern ein Damoklesschwert hängt. Käme jetzt einer vom Bezirklichen Ordnungsdienst BOD oder ein Polizist vorbei, müssten die beiden Sänger eine Meldekarte vorweisen können. Wer die nicht hat, bekommt ein Bußgeld aufgebrummt. „Wir gehen grundsätzlich von 150 Euro aus“, erklärt die Sprecherin des Altonaer Bezirksamts, Kerstin Godenschwege.
Die Meldekarte gibts im Rathaus. Sie kostet kein Geld und soll lediglich sicherstellen, dass die Musiker Bescheid wissen, über das, was sie zu tun und lassen haben. So dürfen sie beispielsweise nur 30 Minuten an einem Standort bleiben und müssen dann weiterziehen. Warum das Ganze? Kerstin Godenschwege: „Im letzten Jahr hatten wir bei trockener Witterung nahezu werktäglich eine Beschwerde von Anwohnern“.
„Die Meldekarte ist eine komplette Fehlentscheidung“, sagt eine Ottenserin aus dem Publikum. „Natürlich nervt Straßenmusik gelegentlich, aber meistens hebt sie doch die Laune, und manchmal ist sie richtig schön.“


Kommentar von Christiane Handke-Schuller:
Ein bisschen Schikane

Schon Wilhelm Busch hat gewusst: „Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden.“ Dagegen setzt das Bezirksamt jetzt die Meldekarte ein. Mit der Karte bekommt der Straßenmusiker das „Merkblatt für Straßenmusik“ in die Hand gedrückt. Darin steht alles, was er wissen muss - zum Beispiel, dass er nicht endlos an einer Stelle mit dem immergleichen Lied auf der Flöte den Passanten auf die Nerven gehen darf.
Theoretisch gut und schön. Aber wie erfährt der ahnungslose Straßenmusiker aus Aserbaidschan, Bukarest oder Manchester, dass er eine Meldekarte braucht? Ganz einfach: Das steht auf Schildern. Die stehen am Anfang und am Ende der Fußgängerzone.
Nur: Man sieht sie nicht - denn die ziemlich kleinen Schilder mit der lebenswichtigen Info sind oben auf rund 2.50 hohen Stangen festgeschraubt. Das einzige, was man ohne Fernglas darauf erkennt, ist eine hübsch geschwungene Notenzeile. Der Text: kaum zu erkennen. Und für Aserbaidschaner, Rumänen oder Briten ohnehin nicht zu verstehen. Seltsam.
Aber es geht noch weiter: Die Meldekarte muss schriftlich und in Deutsch im Bezirksamt beantragt werden, und zwar zwei Wochen vor dem Termin, an dem der Musiker auf der Straße spielen will. Spontan bei gutem Wetter ein Ständchen zum Besten geben? Geht nicht mehr.
Die Meldekarte: Auf den ersten Blick wirkt sie ganz vernünftig. Und kost’ ja auch nichts. Aber das Drumherum: Das ist schon ein bisschen Schikane.


INFORMATION:
Das steht auf der Meldekarte:

Freie und Hansestadt Hamburg
Bezirksamt Altona
MELDEKARTE Nr. / für den Bezirk Altona
Straßenmusik
dieser Meldekarte
geb. Nationalität
wohnhaft
ausgewiesen durch
hat das Merkblatt – Straßenmusik – vom Bezirksamt Altona heute zur Kenntnis genommen und inhaltlich verstanden. Er/Sie verpflichtet sich, bei der Ausübung der musikalischen Darbietung dem Inhalt des Merkblattes Folge zu leisten. Diese Meldekarte ist nicht übertragbar und vom Inhaber während des Auftretens bei sich zu führen. Sie ist während der Darbietung mit der Rückseite auszulegen und auf Verlangen den behördlichen Stellen vorzuzeigen.
Verstöße gegen die Auflagen zur musikalischen Darbietung werden nach
§ 72 Hamburgisches Wegegesetz in Verbindung mit dem Ordnungswidrig-keitengesetz i.V.m. dem Hamburgischen Lärmschutzgesetz geahndet. Hierzu kann auch die Unterbindung durch Sicherstellung gem. § 22 Abs.2 Nr.2 Ordnungswidrigkeitengesetz sowie § 14 Abs. 1 des Gesetzes zum Schutze der öffentlichen Sicherheit und Ordnung zählen. Dieses hat zudem den sofortigen Ablauf der Meldekarte zur Folge.
Siegel
Straßenmusiker Unterschrift / Datum Bezirksamt Altona Unterschrift / Datum



... und das steht im offiziellen Altonaer "Merkblatt für Straßenmusiker":

Straßenkunst trägt zur Belebung Altonas bei. Aber Sie werden sicher verstehen, dass sich nicht alle Bürgerinnen und Bürger an Ihren Darbietungen erfreuen, insbesondere dann nicht, wenn immer wieder an einem Platz gespielt wird und sich die Stücke ständig wiederholen. Es sollte daher unser gemeinsames Ziel sein, ein Einschreiten der Behörde aufgrund des Hamburgischen Wegegesetzes zu vermeiden. Dies kann nur dann gelingen, wenn Sie beim Musizieren und beim Straßentheater folgendes beachten:
1.Straßenmusik und Straßentheater ist nicht gestattet von 20:00 Uhr bis 11:00 Uhr und an Sonn- und Feiertagen. In der übrigen Zeit werden die Darbietungen je Standort auf maximal 30 Minuten begrenzt. Musiziert werden darf jeweils nur zur vollen Stunde für die Dauer von 30 Minuten, z.B. von 11:00 bis 11:30 Uhr, von 12:00 bis 12:30 Uhr usw. Danach ist ein anderer Standort aufzusuchen, der im Abstand mindestens 150 Meter vom vorherigen liegen muss. Dieses gilt ganz besonders an stark frequentierten Plätzen, wie zum Beispiel Ottenser Hauptstraße, Spritzenplatz, Alma-Wartenberg-Platz, Neue Große Bergstraße und Große Bergstraße.
Hinweis: Das Musizieren ist nur mit einer Duldungsbescheinigung, einer so genannten Meldekarte der o.g. Behörde erlaubt, und somit ohne schriftliche Zustimmung/Duldung nicht gestattet!
Um Wiederholungen zu vermeiden, darf jeder Standort an einem Tag von jeder Gruppe / von jedem Künstler nur einmal aufgesucht werden.
2.Lautstarke Instrumente, wie Trommeln, Schlagzeuge, Trompeten jeder Art, Dudelsackpfeifen usw., sowie Verstärker, Lautsprecher und sonstige Tonwiedergabegeräte dürfen grundsätzlich ohne schriftliche Genehmigung nicht verwendet werden. Hierzu bedarf es eines Antrages bei der unten genannten Dienststelle. Der Antrag ist schriftlich, in deutscher Sprache und mindestens zwei Wochen vor dem geplanten Einsatz der Instrumente oder Tonwiedergabegeräte zu stellen. Eine eventuelle Erlaubnis oder Ablehnung ist gebührenpflichtig. Der Einsatz der oben genannten lautstarken Instrumente, Verstärker oder Tonwiedergabegeräte ohne schriftliche Genehmigung führt zur sofortigen Untersagung der Darbietung und zur Einleitung eines Ordnungswidrigkeitsverfahrens. Außerdem werden für die unerlaubte Sondernutzung Gebühren erhoben.
1.3. Bezirksamt und Polizei werden Darbietungen unterbinden, wenn dies aus Gründen der Sicherheit und Leichtigkeit des Verkehrs, insbesondere des Fußgängerverkehrs, oder zur Vermeidung von Belästigungen der im Umfeld arbeitenden Personen und der Anwohner erforderlich wird.
2.4. Das Feilbieten jeglicher Waren sowie das Verteilen gewerblicher Handzettel im Rahmen der Straßenmusik ist ordnungswidrig und wird mit Bußgeld geahndet. Geldspenden dürfen nicht durch aufdringliches Ansprechen oder Umhergehen mit Sammelbehältern eingefordert werden.
5. Ausdrücklich genehmigte Veranstaltungen haben stets Vorrang.
Um Verständnis und unbedingte Beachtung wird gebeten!
Die Einhaltung der vorstehenden Rahmenbedingungen wird in Ihrem eigenen Interesse als selbstverständlich vorausgesetzt.
Bei festgestelltem Verstoß gegen die amtlichen Vorgaben  können Bezirklicher Ordnungsdienst und Polizei einen Platzverweis erteilen und ein Bußgeld verhängen – bei Verstößen ist der Bezirkliche Ordnungsdienst zur Einziehung von Instrumenten und Technik berechtigt!
Zuständig für Grundsatzfragen/Genehmigungen: Bezirksamt Altona, Zentrum für Wirtschaftsförderung, Bauen und Umwelt, Jessenstr. 1, 22676 Hamburg.
Meldungen von Beschwerden: Bezirklicher Ordnungsdienst, Tel. 42811-6395
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