Keine Flora, keine Touristen

Flottes Auto aus dem Umland vor der Flora: Das autonome Zentrum ist ein Publikumsmagnet in der Schanze.
 
Auf dem Weg zum Schlagermove: Junge Partygäste am Schulterblatt.

Der G20-Gipfel und die Woche danach: Im Schanzenviertel ist vieles beim Alten, aber es gibt viele offene Fragen

Carsten Vitt, Sternschanze

Am Sonnabend war der Bier-Block unterwegs. Drei junge Männer in Superman-Umhängen, auf der Brust in großen Lettern: Bier. Auf dem Weg zum Schlagermove zog das Trio das Schulterblatt entlang. Genau dort, wo eine Woche zuvor vermummte Militante neben und mit aufgepeitschten Jugendlichen und betrunkenen Schaulustigen Steine warfen, Läden plünderten, Barrikaden anzündeten und einfach zuguckten, was so passierte.

Die gröbsten Spuren der Randalenacht sind beseitigt worden. Budnikowsky hat wieder auf: Auf einem Viertel der vorherigen Ladenfläche gibt es wieder Shampoo, Zahnbürsten und Babybrei. Die Woche sei „hart, aber schön“ gewesen, sagt Mitarbeiterin Sabrina Gresse. „Schön, dass ihr wieder da seid“ – diesen Satz hätten sie häufig gehört in den Tagen, als der geplünderte Laden notdürftig wieder hergerichtet wurde. Bei Rewe nebenan ist noch alles zu: Der Supermarkt wurde teilweise angezündet, der Schaden ist erheblich größer. Die Reparatur wird länger dauern, genau wie bei der Haspa an der Ecke Juliusstraße/Schulterblatt.

Im Viertel wird heftig diskutiert

Viele Menschen sitzen in Cafés und Kneipen, sind auf Shoppingtour oder am Bummeln: Äußerlich scheint am Schulterblatt fast alles beim Alten zu sein, aber im Stadtteil wird heftig diskutiert. Warum war an dem Gipfel-Freitag, als die Staatschefs in der Elbphilharmonie Beethoven lauschten, nicht rechtzeitig Polizei im Schanzenviertel, um die sich anbahnende Randale frühzeitig zu unterbinden? Stimmen die Erklärungen der Polizei, dass dort ein Hinterhalt befürchtet werden musste? Hat die Rote Flora als Symbol des Protests militante Gruppen aus dem Ausland angelockt, hier loszuschlagen? Welche Verantwortung haben das autonome Kulturzentrum einerseits und Polizei und Politik andererseits?

Wolf Buchaly vom Stadtteilbeirat Sternschanze möchte Antworten und Erklärungen. Am heutigen Mittwoch (19.30 Uhr) trifft sich das Stadtteilgremium im Jesus Center am Schulterblatt. Altonas Bezirksamtsleiterin Liane Melzer (SPD), die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) und Vertreter der Polizei werden erwartet.

Buchalys persönliche Sicht: „Es gibt sieben Möglichkeiten, ins Viertel zu kommen. Aber die Polizei nutzte diese nicht und sagt, das war ein Hinterhalt – da stimmt doch etwas nicht.“ Merkwürdig fand Buchaly, dass sich Vertreter der Roten Flora „sehr offen zur Militanz“ geäußert hätten. Flora-Anwalt Andreas Beuth zum Beispiel hatte im Interview mit dem NDR Sympathien für die Randale geäußert. Nach heftiger Kritik nahm er diese Aussage später wieder zurück.

Buchaly sieht bei der Roten Flora allenfalls eine „Teilschuld“. Aber: „Die G20 hat nicht die Flora eingeladen, sondern Bundeskanzlerin Merkel. Linksautonome Griechen, Spanier oder Franzosen wären sowieso gekommen, das wusste jeder. Jetzt ist es ein Problem, das verstehe ich nicht.“

Bei Schließung drohen Umsatzeinbußen

Er hofft dennoch, dass von der Roten Flora noch eine vernünftige Erklärung zu den Ereignissen komme. Eine Schließung, wie Hardliner aus CDU und AfD nun reflexartig fordern, lehnt Buchaly ab. „Das ist gar nicht einzusehen. Wir überlegen eher, ob wir mit Geschäftsleuten ,Flora bleibt’-Plakate in die Fenster hängen.“
Denn, so Buchaly, es kämen Tausende Touristen ins Viertel, um das autonome Zentrum zu sehen. Keine Flora, keine Touristen und Umsatzeinbußen. Es gibt auch sehr pragmatische Erklärungen im Streit um die Flora.

Schanzen Ansichten

Ein Kommentar von Carsten Vitt

Ahnma, Flora
Es ist zu einfach, der Roten Flora die alleinige Verantwortung für die Schanzenkrawalle zuzuschieben.
Es ist aber ebenfalls zu einfach, so zu tun, als hätte das Haus damit nichts zu tun.
Dennoch: Die Rote Flora muss bleiben.
Die Gruppen im alten Theater haben es in der Hand, ob das Haus zur Fotokulisse für riotgeile Touristen verkommt oder ob es dem Stadtteil und der Stadt mehr zu bieten hat.
Als die Band Beginner zum 25. Geburtstag des besetzten Hauses auftrat, feierten Tausende in und vor der Roten Flora eine euphorische Hip-Hop-Party am Schulterblatt. Hundertschaften und Wasserwerfer waren an diesem friedlichen Abend nirgendwo zu sehen. Wäre an der Zeit, das häufiger auszuprobieren.
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2 Kommentare
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Tobias Kiemeyer aus Ottensen | 19.07.2017 | 13:34  
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Kai Dirksen aus Eimsbüttel | 03.08.2017 | 16:36  
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