Jubel und Gedenken

Jedes Jahr bieten vielfältige Ereignisse Anlässe zum Gedenken, zum Erinnern und Einhalten in der Hektik des Alltags. Die Motive mögen helle Freude wecken – gar Jubel, traurig stimmen oder dumpfe Empfindungen aufbrodeln lassen. Es gibt verschiedenste Gründe dafür, ob man betroffen ist oder sich auf die eine oder andere Art angesprochen fühlt.
Dies wurde mir erneut bewusst in diesem besonderen Jahr 2015.
Das weltgeschichtlich herausragende Ereignis bildet das Ende des zweiten Weltkrieges vor siebzig Jahren, in Europa am 8. Mai und schließlich auch in Asien am 2. September 1945. Soll man aus der Vielzahl der Ungeheuerlichkeiten des weltweiten Krieges die schlimmsten benennen, so stehen gigantische Verbrechen wie der Holocaust an erster Stelle, dicht gefolgt vom Abwurf zweier Atombomben über dichtbesiedelten japanischen Städten sowie der Völkermord an den europäischen Roma. Mir selbst ist die totale Ausbombung unserer Familie in Altona noch sehr präsent.

Krieg aus schwedischer Sicht

Größere Länder, deren Neutralität weitgehend respektiert wurde, waren die Schweiz und Schweden. Schwedens wohl bekannteste Frau dürfte heute Astrid Lindgren sein. Während der ersten Kriegsjahre erzählte sie ihrer erkrankten Tochter die Abenteuer von Pippi Langstrumpf. Erst 1944 fand Astrid Lindgren Zeit, die ungewöhnlichen Geschichten des rothaarigen Mädchens aufzuschreiben. Als die Verfasserin das Manuskript im April 1944 einem sehr großen schwedischen Verlag – Bonniers - anbot, wurde es im September desselben Jahres abgelehnt. Eine autoritäre Grundhaltung, zeitgemäß auch in Schweden, ließ die Verantwortlichen den wohl größten Fehler in deren Verlagsgeschichte begehen. Ein kleinerer Verlag zeigte schließlich mehr Gelassenheit, publizierte das Buch im November und machte fortan damit gute Geschäfte. Dieses auch Erwachsene begeisternde Kinderbuch ist heute in 92 Sprachen übersetzt.
Vorher war Astrid Lindgren noch nicht nennenswert als Schriftstellerin in Erscheinung getreten. Sie verdiente ihr Geld auf eine Weise, die anderen je nach politischem Standort patriotisch oder anrüchig erscheinen mag. Zur Geheimhaltung verpflichtet im Dienste schwedischer Sicherheitsbehörden, las und zensierte sie die Post fremder Menschen. Ihr erschloss sich damit eine Informationsquelle, die ihr größtes Anliegen während des Krieges, nämlich sich so umfassend wie möglich aus allgemein zugänglichen Medien zu informieren, enorm ergänzte.
Noch wenige Tage vor Kriegsausbruch hatte diese zweiunddreißigjährige Mutter von zwei Kindern sich über Hitler lustig gemacht. Als dann am 1. September 1939 der Diktator den Überfall auf Polen befahl und damit den Krieg begann, erschrak sie gewaltig und beschloss sogleich, Tagebuch zu führen: Sie wollte möglichst viel wissen und verstehen. Nur für sich beabsichtigte sie festzuhalten, was sie erfuhr. Sie wollte nichts vergessen. Täglich schrieb sie, diszipliniert und sorgfältig, wertete alle zugänglichen Medien aus, hörte schwedische und ausländische Radiosender, klebte Meldungen aus Zeitungen ein und schrieb von Hand bis tief in die Nacht.
Was Astrid Lindgren aufschrieb, ist etwas anderes als das, was ich zeitgleich tasächlich erlebte.
Der Krieg dauerte viel länger, als sie anfangs gedacht hatte. Aber sie führte eisern ihr Werk fort. Von 1939 bis 1945 dokumentierte sie in siebzehn ledergebundenen Tagebüchern, was ihr wichtig erschien. Erst 2013 wurden diese für die Öffentlichkeit freigegeben. Siebzig Jahre nach dem Kriegsende ist nun eine Bearbeitung der Tagebücher zugänglich. Obwohl es ursprünglich nicht ihre Absicht war, entlarven ihre Aufzeichnungen jetzt all jene Menschen in Schweden, die angeblich nichts von den Naziverbrechen geahnt oder gar gewusst hatten. Wer lesen und hören konnte und wissen wollte, dürfte bei Kriegsende nicht wirklich erstaunt gewesen sein. Von der Existenz der Konzentrationslager konnte man wissen. Ob das auch für alle schrecklichen Details gilt, die sich bei der Befreiung der Insassen offenbarten, steht auf einem anderen Blatt.

Krieg real erlebt

Sechs Tage nach Kriegsbeginn wurde ich in Hamburg-Altona geboren. Bei Kriegsende war ich genau fünf Jahre und acht Monate alt. Wir wohnten in der Großen Bergstraße beim Nobistor, nicht weit von der Reeperbahn, eine anständige Gegend mit drei- bis vierstöckigen Häusern, kleinen Läden, etwas Reklame, Hausfrauen mit Handtaschen kauften ein, was es noch zu kaufen gab, und vereinzelt sah man Männer, die nicht eingezogen waren; manche trugen Elbsegler auf dem Kopf und man war eher leger gekleidet und hemdsärmelig. Nur selten stolzierte dort ein uniformierter „Goldfasan“ umher und wurde schief angesehen. Hier wohnten augenscheinlich eher biedere Arbeiterfamilien. Meine Mutter ging einer recht schweren Arbeit in der Wäscherei eines Altersheimes nach. Mein Vater fuhr als Matrose zur See. Wir passten gut zu diesem Umfeld. Aber es war Krieg. Wir beobachteten ihn nicht, sondern wir erlebten ihn. Wie man Städte und vor allem Arbeiterviertel infernalisch heimsuchen konnte, hatten deutsche Fliegerverbände bereits mit Guernica, in Warschau, London und anderswo demonstriert – um die Bevölkerung zu demoralisieren. Aber das hatte nirgends so funktioniert, wie man es sich ausgemalt hatte. Das Leiden festigte vielmehr den Zusammenhalt der Menschen. Auch in Deutschland. Das Naziregime wurde in seiner inneren Struktur gefestigt. Doch von alledem wusste ich als Kind nichts. Noch viel weniger ahnte ich etwas von der perversen Logik britischer Strategen, ausgerechnet auch unser Arbeiterquartier bombardieren zu wollen. Nächtliche Scheinwerfer, die Bomberverbände am Himmel zu erfassen suchten und Zielgebiete markierende „Tannenbäume“ fand ich zunächst recht unterhaltsam. Erst allmählich erlebte ich die ewigen Bombenalarme als störend. Schlimm war die Zeit um den 25. Juli 1943. Da „knipste“ ich einfach meine Wahrnehmung der Realität ab. Achtzehn Stunden im Keller eines Wohnhauses, das schließlich brennend über uns zusammenstürzte, überstand ich somit wohl besser als die Erwachsenen. In den Armen meiner Mutter habe ich die Angst der Menschen, das Beben des Bodens unter den Bombeneinschlägen, die Dunkelheit, den Luftmangel und die zunehmende Hitze einfach nicht mehr wahrgenommen, nicht mehr an mich herangelassen. Nachdem wir uns mit viel Glück durch das Flammenmeer retten konnten, gab es unser Wohngebiet um die Große Bergstraße nicht mehr. Wir vagabundierten nun umher, fanden Unterkunft mal hier, mal da, bei Verwandten in einem Dorf bei Magdeburg oder bei Bekannten im Rest-Hamburg.
Als im friedlichen Stockholm Astrid Lindgren 1944 „Pippi Langstrumpf“ aufschrieb, baute mein Vater mit seinen Lehrgangskollegen von der Seefahrtschule in Altona zwei Dutzend schwedische Behelfsheime aus Holz auf einem Sportplatz in Iserbrook auf. Zwanzig Quadratmeter Wohnfläche für schließlich fünf Personen in der „Bude“, wie wir die Unterkünfte nannten, zwar kein Wasser in der Nähe, keine Elektrizität und nur eine Eimertoilette, aber immerhin ein Dach über dem Kopf, bedeutete in jenen Tagen für uns ein großes Glück. Dies hielt mit allmählichen Verbesserungen in materieller und sozialer Hinsicht etwa ein Jahrzehnt an, allerdings mit markanten Einbrüchen. Wir erlebten – alles völlig „normal“ in dieser Zeit - Jahre des Hungers, eisige Kälte, schwere Krankheit und sozialen Abstieg. Und schließlich ging es auch wieder aufwärts. Ich fuhr schließlich zur See, wie mein Vater und auch mein Bruder.
Befreiung
Das Jahr 2015 gab in aller Welt Menschen Anlass, sich des Kriegsendes 1945 vor siebzig Jahren zu erinnern, sich zu freuen über die Befreiung aus den Konzentrationslagern, vom Naziregime oder einfach darüber, am Leben geblieben zu sein. Der Jubel kannte damals auch in Stockholm keine Grenzen. Der Druck jahrelanger Angst vor einer Besetzung durch die Nazis, wie die Nachbarn Norwegen und Dänemark sie erleben mussten, entwich in einem vieltausendfachen kreischenden Freudentaumel schon am 7. Mai. Astrid Lindgren begab sich ins Zentrum des Feierns auf der Kungsgatan (Königsstrasse), um auch dieses mitzuerleben und dokumentieren zu können. Sie zitiert einen Radioreporter: „Unaufhörlich brausen Freudenwogen über die Kungsgatan. Ein wonnig wunderbarer Tag ist das.“ Sie selbst formuliert: „Ach, ach, nun ist Schluss mit Folter und Konzentrationslagern und Bombenangriffen und „Ausradierung“ von Städten und die geplagte Menschheit kann vielleicht etwas Ruhe bekommen. (Anm.: Sie benutzt den deutschen Begriff „Ausradierung“). Deutschland und die Deutschen werden gehasst – aber man kann nicht alle Deutschen hassen, man kann sie nur bedauern.
Der Krieg ist zu Ende – das ist das einzige jetzt.“
Ich selbst erlebte das Kriegsende, was keine Selbstverständlichkeit war. Schwedenspeisung trug zu meinem Überleben bei.
Im Alter von 75 Jahren, siebzig Jahre nach dem Krieg, schrieb ich auf, was ich erinnern konnte. Es wurde eine Betrachtung überwiegend aus meiner Perspektive, aus der eines Kindes und Heranwachsenden. 1963 wurde unsere Familie, wie von einem Tsunami überrollt, von einem besonders schweren Schicksalsschlag getroffen. Damit schließe ich meine Erzählung. Ich hielt es für angebracht, meine Erlebnisse zu veröffentlichen – zur Erinnerung und zur Mahnung.
(Erhältlich im Buchhandel und im Internetz: Martin Klumbies: Reiseziel Heimkehr – Zwischen Altona und Australien, Verlag: Books on Demand, Norderstedt, ISBN 9783738698442, Druckbuch € 9,99, E-Book € 3,99)
Hinweis: Die wörtlichen Zitate habe ich aus dem Schwedischen übersetzt. Sie sind entnommen: Astrid Lindgren: Krigsdagböcker 1939-1945, Salikon förlag, Lidingö, Sverige
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4 Kommentare
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Barbara Collet aus Harvestehude | 02.07.2016 | 09:13  
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Barbara Collet aus Harvestehude | 02.07.2016 | 09:13  
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Martin Klumbies aus Altona | 05.07.2016 | 20:26  
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Barbara Collet aus Harvestehude | 06.07.2016 | 14:59  
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