„Ich merkte: Lehrerin kann ich“

Regine Bondick verabschiedet sich aus dem Kollegium der Max-Brauer-Schule - sie war seit 1985 dabei. Foto: pr

Regine Bondick hat die Max Brauer Schule seit 1985 begleitet und gestaltet.
Jetzt geht sie in den Ruhestand. Interview mit einer leidenschaftlichen Pädagogin

Von Christiane Handke.
Sie haben eine besondere Beziehung zu einigen Helden der Kinderliteratur....
Ja, Pippi Langstrumpf und Michel aus den Büchern von Astrid Lindgren. Beides „verrückte“ Kinder, keine, die stromlinienförmig daherkommen. Bei Michel würde man heute emotional-soziale Verhaltensstörungen diagnostizieren. Bei Pippi erst recht. Die wäre auf alle Fälle Schulschwänzerin.   Ein ungewöhnliches  Mädchen - beispielhaft in ihrer Fähigkeit, sich selbst zu motivieren: Von ihren Freunden gefragt, wer ihr sagt, dass sie abends ins Bett soll, sagt sie: „Das mache ich selbst. Erst sage ich es ganz freundlich, und wenn ich nicht gehorche, dann sage ich es nochmal streng, und wenn ich dann immer noch nicht hören will, dann gibt es Haue.“ 

Und Pu der Bär?
Spielt auch eine Rolle. Ihn habe ich immer dem Kollegium als Vorbild empfohlen. Wegen seiner Gemütsruhe. Lehrer haben ständig emotionalen Stress - auch an Tagen, die schön sind. Es ist immer auch anstrengend, mit so vielen Menschen zusammen zu sein. Deswegen finde ich auch die langen Ferien unbedingt gerechtfertigt.

Die ideale Schule?
Ich bin leidenschaftliche Verfechterin der Idee „Schule für alle“ und finde es jammerschade, dass dieser Weg in Hamburg abgebrochen wurde.  Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass leistungsgemischte Klassen am besten funktionieren, weil Kinder und Jugendliche am besten und am liebsten voneinander lernen.

Und das funktioniert?
Hier an der Max-Brauer-Schule haben wir das verwirklicht. Und ja, es funktioniert. Ich weiß, ich vertrete da einen Weg „von gestern“ - die Diskussion in Hamburg läuft ja gerade in eine ganz andere Richtung. Aber ich glaube, das Thema kommt wieder, da lässt sich noch einiges bewegen.

Ihre Anfänge?
Ich war mir nicht sicher, ob ich Lehrerin überhaupt kann. Ich habe mich als schüchtern in Erinnerung. Und dann kam ich an eine Schule in Billstedt, eine sehr fremde Welt für eine Tochter aus bürgerlich-stabilem Haus. An Schulveranstaltungen kann ich mich nicht erinnern. Sie fanden aus Angst vor Rockern nicht statt. Aber ich merkte: Lehrerin kann ich. 1985 wechselte ich dann an die Max-Brauer-Schule. Schon damals erstaunte mich, wie die ganze Schule immer auf Veränderungen und Verbesserungen zuarbeitete. Es herrschte und herrscht hier ein bewegter Geist.

Beispiel Projektunterricht...
Ja, der PU: Man nimmt sich ein großes Thema vor und arbeitet aus allen Richtungen, allen Fächern daran. Ein unbehauener Klotz nimmt in der Klasse Gestalt an, die Klasse kommt selbst zu einem Ergebnis. „Ein lernvolles Fach“ hat eine Schülerin den Projektunterricht genannt. Ist das nicht wunderbar?
Viele Lehrer werden zynisch, ihr Idealismus wird im Schulalltag aufgerieben...
Zynismus kenne ich aus meinem Elternhaus nicht. Idealismus muss entwickelt werden, Begeisterung kommt, wenn Sie eine Idee haben, etwas mit anderen zusammen erreichen wollen, und ein großes Kollegium verändert eine ganze Schule radikal.

Jetzt aufzuhören - geht das?
Ich habe das Gefühl, ich bin an dieser Schule satt geworden. Es gibt nichts, was ich jetzt noch tun müsste. Notwendige Veränderungen werden die Jüngeren in die Hand nehmen. Der Jahrgang, der 2005 mit dem neuen Konzept startete, macht jetzt Abitur. 30 bis 40 Prozent unserer Schüler kommen in die 5. Klasse mit einer Gymnasialempfehlung, 60 bis 70 Prozent schaffen in der Regel die Versetzung in die Oberstufe, also knapp doppelt so viele. Das ist begeisternd. Es war schön, dabei gewesen zu sein.

Worauf freuen Sie sich?
Nicht mehr früh aufzustehen. Gemütlich zu frühstücken und dann zu gucken, was der Tag so bringt. Und im kommenden Jahr den ganzen Sommer von Mai bis Oktober in unserem Häuschen in Schweden zu verbringen.
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