„Ich habe mich geschämt für das Zugucken der Welt“

Cansu Özdemir, hier mit einem Flüchtlingskind, war an der Grenze zu Syrien und hat die Eindrücke von dort mitgebracht nach Hamburg. (Foto: pr)

Altonaerin, Bürgerschaftsabgeordnete, Kurdin: Interview mit Cansu Özdemir

In Syrien kämpfen die Kurden in der Grenzstadt Kobane einen verzweifelten Kampf gegen die Terrorgruppe Islamischer Staat IS. In Altona und Hamburg demonstrieren die Kurden, müssen Moscheen von der Polizei bewacht werden, werden bei Kontrollen immer wieder Waffen gefunden. Was geht vor? Wer ist hier Opfer, wer Täter? Das Wochenblatt hat Fragen an die Bürgerschaftsabgeordnete Cansu Özdemir (26, Linke) gestellt. Sie ist in Altona zur Welt gekommen, wohnt im Osdorfer Born. Und sie ist Kurdin.

Sie sind Kurdin, Altonaerin und Hamburger Politikerin. Bekommen Sie, gerade in diesen Tagen, diese drei Cansu Özdemirs „unter einen Hut“? Was empfinden Sie zur Zeit?
 
Ich hatte noch nie Probleme , diese drei Cansus unter einen Hut zu bekommen. Ich fühle mich in Hamburg, aber auch in Kurdistan zu Hause, das ist für viele Menschen mit Migrationshintergrund etwas ganz Normales. Unverständlich ist für mich, dass Menschen kein Verständnis für diese drei Cansus zeigen. Ich bekam in den letzten Tagen Hassmails, in denen ich aufgefordert werde, Deutschland zu verlassen. Das Massaker in Shingal an den Eziden, das drohende Massaker in Kobane nehmen mich emotional sehr mit und machen mich auch sehr wütend. Diese Hilflosigkeit, diese Ohnmacht sind für die hamburgischen Kurden eine große Belastung und beeinflussen den Alltag. Viele können nicht schlafen, nicht essen.
Sie waren an der türkischen Grenze bei den umkämpften syrischen Gebieten. Ihr Eindruck und Ihre Gefühle angesichts der Situation dort?
Ich war mit drei Bundestagsabgeordneten der Linksfraktion in der Stadt Suruc an der Grenze zu Kobane. Ich habe gesehen, wie Mörsergranaten des IS in Kobane einschlugen. Hörte, wie heftig die Gefechte verliefen, wie Verletzte und Leichen mit Krankenwagen nach Suruc gebracht wurden. Familien, deren Kinder gegen den IS kämpfen, saßen Tag und Nacht an der Grenze und beteten für sie. Ich habe mich geschämt. Geschämt für das Zugucken der Weltgemeinschaft. Die Kurden werden wieder einmal alleine gelassen.

Und dann, in Hamburg, gerieten sie in die Auseinandersetzungen rund um die Kurden-Demonstrationen...

Das war keine „Auseinandersetzung“, sondern ein geplanter Angriff seitens IS-Anhänger. Die kamen mit Macheten bewaffnet und griffen die Kurden an. Die Kurden haben aus Notwehr gehandelt, weil die Polizei sie nicht schützen konnte. In der Öffentlichkeit wird es dargestellt, als würde es sich um einen Konflikt zwischen ethnischen Gruppen handeln, die einfach nur Krawall machen. Das stimmt nicht. IS-Anhänger kämpfen gegen alle Gruppen, die nicht in ihr menschenfeindliches Bild passen.

Müssen wir in Altona und Hamburg Angst haben, dass es zu einem Krieg zwischen Kurden und Islamisten auf den Straßen kommt?

Wir müssen in Altona und Hamburg Angst davor haben, dass der IS seine Angriffe weiter verstärkt. Die Kurden und den IS in einen Topf zu werfen, finde ich fatal. Die Gefahr, die vom IS kommt, darf nicht unterschätzt werden. Wenn ein deutscher Konvertit in Syrien dazu aufruft, die „Ungläubigen“ in Europa zu schlachten, dann wird doch deutlich, dass diese Drohung der gesamten Gesellschaft gilt, nicht nur Kurden, und dass dieser Aufruf brandgefährlich ist und ernst genommen werden muss.

Müssen Syrer und Kurden zurzeit auch in Hamburg Angst vor dem IS haben? Was können wir tun, um die Situation zu entschärfen?

Alle Menschen, die nicht in das menschenfeindliche Bild des IS passen, könnten Opfer eines Angriffs werden. Ich möchte keine Ängste schüren, ich möchte nur deutlich machen, wie gefährlich der IS ist, und zwar überall. Wichtig ist, dass unterschieden wird zwischen IS-Anhängern und Muslimen, die friedlich ihre Religion ausüben. Wichtig ist auch, dass Hamburger sich mit den Kurden solidarisieren und als Zivilgesellschaft klar und deutlich ein Zeichen gegen den IS-Terror setzen.
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