Herr K. ist besorgt

Nun gut, Herr K. fühlte sich gekränkt. Mit Menschen hat es seine Besonderheit darin, dass sie leicht zu kränken sind, als würden sie einen Schutzschirm um sich herum bilden, wie eine Blase aus weichem Material, eine zweite Haut des Stolzes sozusagen. Da kann man leicht hineinpieksen.
Als der gute Mann Tony begegnete, auf der Großen Bergstraße, nicht weit vom Altonaer Bahnhof, sagte er anstelle eines Grußes: „Ich fühle mich gekränkt!“
Tony schüttelte ihm trotzdem die Hand, schließlich kannten sie sich. Sie wohnten in derselben Gegend, keine Männerfreundschaft, man kennt sich eben. Je nu, was sollte er dazu sagen? Menschen liefen geschäftig auf und ab die Straße entlang, diese vermaledeiten Bauarbeiten gingen Tony inzwischen auf die Nerven. „Das dauert ja eine Ewigkeit!“, meinte er und hätte sich fast die Jacke ausgezogen, um den Bauarbeitern zu helfen., „Kommt ihr nicht richtig in die Pötte oder was?“ Er ist ja auch immer genervt, dass es nicht endlich Sommer wird, dass die Bayern verloren haben und dass die Saga wieder eine Mieterhöhung haben will. „Geht's noch?“, sagt er gerne. Aber natürlich geht das, junger Mann Tony, was denkst denn du? Es geht alles. Herr K. aber ist gekränkt, wie er da in seinem altmodischen Anzug steht und den Sonnenschein mit einer Hand abwehrt. „Weißt du, sie hat Sau zu mir gesagt“, rückte er endlich mit der, für ihn niederschmetternden, Wahrheit heraus. Tony hatte die Vision von kleinen Schweinchen, die auf einer Blumenwiese Grunzgeräusche machen und sich balgen. Das hatte Herr K. aber nicht im Sinn, langatmig und umständlich erzählte er von einer Frau, mit der er sich in der letzten Nacht im Liebestaumel befunden hätte. Tony schaute ihn argwöhnisch an, was erzählt der mir da? „Sie schrie mich an: 'Komm du Sau!' Also geht’s noch?!“ Das „geht's noch?“ hatte er sich von Tony abgeguckt. Die Menschen sagen andauernd "Geht's noch?!"
„Da hast du halt mal eine Leidenschaftliche erwischt!“, sagte Tony in all seiner Lebensklugheit, „Ist doch schön.“ „Ich bin keine Sau“, meinte Herr K. und so schauten sie dem Treiben auf der Baustelle zu. „Ist ja gut, Herr K.“ ließ Tony verlauten, um etwas zu sagen und ihn zu beruhigen; von der nahen Elbe schwappte etwas wie Meeresgeruch herüber, Möwen, salziges Wasser, die Weite und Ferne. Trotz allem Nörgeln ist das Leben so schlecht wieder nicht. Tony wollte ihre Adresse wissen, aber die gab er ihm nicht, nee, er witterte böse Absichten. „Wo kommen wir denn hin?“ Na schön, das Leben geht auch so weiter.
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