Gräber an der Struenseestraße

Hoffentlich hat hier niemand seinen Kopf verloren.
 
Die Gruft ehe. Conrad Hinrich Donner.
Hamburg: Behnstraße | 1974/75 befand sich mitten auf dem ehemaligen Heilig-Geist-Kirchhof, der heute Behn- oder auch Schleepark genannt wird, die Baustelle der S-Bahn Königstraße.
Bei Erdarbeiten am unterirdischen Tunnelschacht fanden Bauarbeiter dort Skelettteile von Menschen, die in der Zeit von 1741 bis 1878 im Umfeld der Heilig-Geist-Kirche (ehemaliger Standort: Zugang S-Bahnstation Königstraße) bestattet worden waren.
Ich erinnere mich noch daran, dass die durcheinander gesammelten Knochen der Verstorbenen, in der Nähe vom Eingang des Tunnelschachtes zusammengelegt, einen großen Haufen bildeten. Heute frage ich mich, warum diese menschlichen Überreste nicht ehrenvoll, in sorgsam beschrifteten Behältern verstaut und in Sicherheit gebracht wurden, bis sie wieder vor Ort bestattet werden konnten. Schließlich hatten bis dahin dort viele bekannte Persönlichkeiten aus Altona ihre „ewige Ruhe“ gefunden, wie zum Beispiel die Familien Hammerich und Lesser, Peter Theodor Zeise, der Dichter Heinrich Wilhelm von Gerstenberg, um nur einige von ihnen zu benennen.
Für Kinder und Jugendliche war die Baustelle natürlich eine willkommene Abwechslung. Wenn auch verboten, wurde sie gern als Abenteuerspielplatz genutzt. Freunde erzählen mir heute noch davon, dass sie dort in die Sandgruben gesprungen sind und plötzlich, als sie unten aufkamen, auf Sargreste und Knochen stießen.
Es war daher nicht verwunderlich, dass beim Spielen auch der unbewachte Haufen Gebeine große Aufmerksamkeit bekam. Ich habe mir von jemandem erzählen lassen, dass er, als er als Junge hinter dem Seemannsheim an der Großen Elbstraße in den Büschen spielte, einen der Schädel in einer Plastiktütte wiederfand. Er brachte ihn sofort zur Mörkenwache und erzählte dort einem der Beamten von seinem kuriosen Fund. Der Polizist soll ihn ungläubig angeschaut haben und dachte wohl eher an einen Jugendstreich, auf den er hereinfallen sollte. Aber als er in die Plastiktüte hineinschaute, kam er aus den Staunen nicht mehr heraus, und plötzlich versammelten sich auch andere Kollegen um ihn herum, und der Junge kam sich in diesen Moment ein wenig wie Tom Sawyer in einer seiner Abenteuergeschichten von Mark Twain vor.
Auch ich selbst fand, zusammen mit einem Freund, einen Schädel in einem Gebüsch, bei den Garagen in der Struenseestraße. Da keiner von uns den Schädel anfassen wollte, zogen wir ein Band durch ihn hindurch und banden dieses an einen Stock. So brachten wir Jungens einen weiteren Totenkopf zur Mörkenwache. Das wird wohl nicht so oft vorgekommen sein,dass in kürzester Zeit die Polizeibeamten mit solchen Fundstücken überrascht wurden.
Ich bin der Meinung, das alles wäre nicht passiert, hätte man damals die Gebeine an einen sicheren Ort gebracht.
Der gesammelte Haufen Knochen wurde später komplett in die Gruft von Conrad Hinrich Donner, in der Nähe des Zugangs S-Bahn Königsstraße, umgebettet, und dort fanden sie nun wirklich ihre letzte Ruhestätte. Aber auch das Innere der Gruft konnte vorher von Neugierigen besucht werden. Ein Stück der Grabplatte war abgebrochen und verschob sich so, dass Jugendliche, so schmächtig wie sie waren, es schafften, sich durch den Spalt hindurchzuzwängen (der Bruch ist heute noch sehr gut zu erkennen). Eine Leiter, die sie vorher hineinschieben konnten, führte sie sicher circa drei Meter nach unten.
Einen dieser Jugendlichen konnte ich nach langer Zeit wiedersehen; ich habe ihn gefragt, ob er sich noch an sein kleines Abenteuer von damals erinnern könne und an das, was sich dort unten in der Gruft befand. Er war sich nicht mehr so ganz sicher, aber er meinte sich schwach an einen offenen, leerstehenden Sarkophag aus Stein zu erinnern.
Einige Grabsteine, die der Baustelle weichen mussten, wurden zu den anderen Grabsteinen bei der Gruft an der Struenseestraße, die heute noch an ihren Originalplätzen stehen, mit eingereiht. Die Ruhestätte der Familien Hammerich und Lesser ist heute noch an ihrem Originalplatz, nahe der Königstraße und blieb vom Bau der S-Bahn verschont.
Ich denke oft über diese Geschichten nach, wenn ich an den Gräbern der Altonaer vorbeigehe und hoffe, das der eine oder andere, der nun dort umgebettet wurde, seinen Kopf behalten hat.
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