Geschichte aus erster Hand

Keine normale Kindheit: Erst als Teenager erfährt Wilhelm Simonsohn (97), dass er im Alter von zwei Jahren adoptiert wurde. Foto: cvs

Drei Zeitzeugen besuchten Schule, darunter Wilhelm Simonsohn aus Bahrenfeld

Ch. v. Savigny, Hamburg

Hans Ebel, Jahrgang 1932, kann sich noch gut an seine Zeit bei der Hitlerjugend erinnern. An „brutale Geländespiele“ etwa, die selten ohne schwere Verletzungen über die Bühne gegangen seien. Oder an einen Spießrutenlauf durch das Spalier der Kameraden, die gnadenlos mit Gürteln und allem, was sie gerade zur Hand hatten, auf ihr wehrloses Opfer einschlugen. Grund war ein angeblicher Diebstahl gewesen. „Hinterher“, sagt Ebel, „gab's dann den Heiligen Geist auf den nackten
Rücken.“ Der „Heilige Geist“ – eigentlich ein Aufnahmeritual, das darin bestand, den Neuling oder in diesem Fall den „zu
Bestrafenden“ eine Viertelstunde lang im Kaltwasserbecken festzuhalten. „Dann hieß es: ,Der Heilige Geist erscheint!’“, erinnert sich Ebel.
Ganz still ist es in der Bibliothek der Stadtteilschule (STS) Stübenhofer Weg geworden, während Ebel – mittlerweile Mitte 80 – von seinen erschütternden Erlebnissen aus der Nazi-Zeit berichtet. Neben ihm sitzen zwei ebenfalls recht betagte Herren: Peter Bigos (Jahrgang 1933) und Wilhelm Simonsohn (1919). Alle drei engagieren sich ehrenamtlich in der Zeitzeugenbörse Hamburg und berichten regelmäßig an Schulen und anderswo aus ihrer bewegten Vergangenheit. „Ich hatte das schon mal in einer anderen Klasse erlebt und fand es sehr faszinierend, weil es so authentisch und lebensnah rüberkommt“, sagt Jan Reinhard, Lehrer an der STS für Gesellschaftskunde. Er und seine Klasse, die 10b, hatten das Thema Nationalsozialismus zuvor im Unterricht behandelt und sich Fragen überlegt. Zum Beispiel, wie die Zeitzeugen die Anfänge der NS-Zeit erlebt hätten, ob sie von den Konzentrationslagern wussten und ob sie im Krieg jemanden töten mussten. Die letzte Frage verursacht mehr oder weniger ein Schmunzeln – schließlich waren zwei der drei Besucher bei Kriegsende mal eben zwölf beziehungsweise 13 Jahre alt.

„Ich war naiv“, sagt Wilhelm Simonsohn über den Krieg

Wilhelm Simonsohn nicht – er zählte da schon 25 Lenze. „Ich war bei der Fliegerei“, sagt der für sein Alter erstaunlich rüstige Senior, der zwar fast nichts mehr sieht und trotz Hörgerät nicht sehr gut hört, aber dafür fesselnd erzählen kann. Als Pilot einer legendären „Tante Ju“ (die „Junkers Ju 52“) war der in Altona geborene Simonsohn damals über Feindesland unterwegs und wurde fünfmal abgeschossen („Das ist ein Glücksgefühl, aus der brennenden Maschine rauszukommen, das könnt ihr euch gar nicht vorstellen!“). Im Rückblick sieht er seine damaligen Erlebnisse sehr kritisch. „Ich war naiv und dachte, ich könnte die Engländer davon abhalten, unsere Städte in Brand zu bomben“, erzählt
Simonsohn. Und: Nein, er habe nie mit der Pistole oder mit dem Gewehr auf andere geschossen. „Aber ich habe versucht, vom
Boden aus Flugzeuge zu treffen, das muss ich zugeben.“
Später, nach Kriegsende, hat sich Simonsohn regelmäßig mit anderen Veteranen getroffen. „Wir konnten nie begreifen, wie wir aufeinander schießen konnten“, sagt er. „Ich bin aufgrund meiner Erfahrungen zum Pazifisten geworden.“ Inzwischen sei es recht einsam um ihn herum geworden. „Aus der NS-Zeit sind alle weggestorben.“ Die Zeitzeugen bezeichnet Simonsohn als seine „soziale Korsettstange“.
Ob die Fragen der Schüler am Ende beantwortet sind, bleibt allerdings etwas unklar. Eigentlich sollte ein Dialog entstehen – so hatten es sich auch die drei Besucher gewünscht. Doch leider bleibt es fast durchgehend beim Vortrag – wohl auch deshalb, weil man die Zeitzeugen nicht unterbrechen will. „Ich finde es besser, wenn nur einer da ist, um zu berichten, weil die Klasse dann mehr beteiligt ist“, fasst Lehrer Jan Reinhard seine Eindrücke zusammen. Den Schülern hat es trotzdem gut gefallen. „Ich fand, dass sie noch sehr viel im Gedächtnis behalten hatten“, sagt Eren (15). Seine Klassenkameradin Melinda (15): „Ich finde es gut, dass wir einen echten Eindruck bekommen haben. Sonst liest man ja immer nur darüber.“

❱❱ Zeitzeugenbörse Hamburg, Tel. 30 39 95 07
(mo-do 9-13 Uhr)
E-Mail: zeitzeugen@seniorenbuero-hamburg.de
www.zeitzeugen-hamburg.de
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