Ganztagsschule verdrängt Tagesmütter

Abschied von der Flohkiste: Diese Grundschüler wurden bisher von drei Tagesmüttern nach der Schule abgeholt. In der Flohkiste gabs frisch gekochtes Essen, Hausaufgabenhilfe, Spiele und Ansprache. Das ist vorbei. Wenn das neue Schuljahr anfängt, werden die Kinder den ganzen Tag in der Schule verbringen. (Foto: pr)

„Flohkiste“ kapituliert und macht nach 18 Jahren Schulkinderbetreuung zu.

Drei Tagesmütter verlieren ihre Arbeit, Altonas Eltern eine alternative Möglichkeit, Schulkinder nach dem Unterricht betreuen zu lassen: Die „Flohkiste“ in der Bernadottestraße wird zum 5. Juli geschlossen. Warum? Weil im kommenden Schuljahr die Ganztagsschule hamburgweit eingeführt wird.
Tagesmutter Ute Hannemann hat lang für ihre Einrichtung gekämpft. Aber: „Zu wenige Eltern haben sich getraut, ihre Kinder nachmittags einem anderen
System als dem von der Stadt empfohlenen anzuvertrauen.“
Dieses ist zudem, verglichen mit dem Angebot der Tagesmütter, etwas billiger. Allerdings ist die Qualität auch anders: Während in der Bernadottestraße drei Tagesmütter 15 Kinder betreuen, liegt der Schlüssel in der schulischen Betreuung bei 1 zu 23.
Ärgerlich findet Ute Hannemann es, dass die Eltern schlecht informiert wurden:  „Fast niemand weiß Bescheid, dass es noch andere Betreuungsmöglichkeiten gibt als die Ganztagsschule.“ Die Informationen, die die Eltern von Schulbehörde und Jugendamt bekommen hätten, seien schlecht und lückenhaft gewesen. Hannemann: „Vielleicht sogar Absicht?“
Die gelernte Erzieherin ist überzeugt davon, dass die Nachmittagsbetreuung in der Schule nicht für alle Kinder geeignet ist, dass es Grundschüler gibt, die damit überfordert sind. Diese Kinder brauchen nach anstrengenden Unterrichtsstunden einen Ort zum Sichzurückziehen, ein Nest, individuelle Ansprache. Das bieten, wenn Vater und Mutter es aus beruflichen oder anderen Gründen nicht können, Tagesmütter.
Ute Hannemann selbst muss nicht fürchten, auf der Straße zu stehen. Erzieher werden gesucht; sie hatte viele Angebote. Am 1. August beginnt sie ihre neue Arbeit in einer Krippe. Trotzdem ist sie traurig: „Das war nicht nur ein Job – das war mein Leben, mit allen Eltern und Kindern.“
Eröffnet wurde die Flohkiste am 1. August 1995 mit vier Mädchen und einem Jungen. Inzwischen sind mehr als 100 Kinder, zum Teil viele Jahre lang, in der Flohkiste betreut worden – die Jüngsten im Vorschulalter, der Älteste bis zu 9. Klasse. „Ohne jeglichen Erzieherwechsel!“ betont Ute Hanneman.

Auskunft aus dem Bezirksamt: In Altona gibt es derzeit insgesamt circa 350 Tagespflegestellen. Das sind die Zahlen für alle Tagespflegestellen, nicht nur für Schulkinder. 25 Tagespflegestellen, welche Schulkinder betreuen, hören als Folge der Ganztagsschule ab Sommer auf.
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