Gärtnern ganz ohne Giftspritze

Herbstmotiv im Nachbarschaftsgarten im Volkspark: Hier pflanzen die Vereinsmitglieder Gemüse wie etwa Bohnen oder Zucchini an – selbstverständlich ohne Giftspritze. (Foto: rs)
 
Gartengestalter Edouard van Diem mit einem jungen Apfelbäumchen, der bald schon Früchte tragen soll. (Foto: rs)

Immer mehr Anwohner werden aktiv und verwandeln triste Gehsteige und Hinterhöfe in grüne Paradiese

Von Reinhard Schwarz

Es grünt und blüht mitten in der Stadt – auch noch im Herbst. Dass es zwischen grauem Mauern und Klinkersteinhäusern zunehmend bunter wird, liegt nicht nur an den Graffiti-Sprühereien. Vielmehr greifen immer mehr Anwohner zu Schaufel und Gartenerde, pilgern in Gartencenter, lassen sich beraten, um ihre manchmal recht triste Umgebung aufzuhübschen.
„Urban Gardening“ - urbanes Gärtnern – lautet der modische Begriff für das Säen und Pflanzen im öffentlichen Raum. Eine von jenen, die sich das graue Elend nicht länger anschauen wollte, ist Tina Weiß, die im Osterkirchenviertel in Ottensen lebt, früher ein industriell geprägtes Arbeiterviertel. Zusammen mit Mitstreitern sorgte sie dafür, dass zwölf große Pflanzenkübel in der Abbestraße aufgestellt wurden.
Doch eigentlich begann alles viel früher, nämlich im tristen Hinterhof um 1998, erinnert sich die Musikerin und Steuerfachfrau: „Hier war früher nur eine Betonwüste.“ Das müsse sich ändern, dachte sich die Hobbygärtnerin, die mittlerweile eine ausgewiesene Blumenexpertin geworden ist. „Ich hatte mir die Erlaubnis vom Vermieter geholt, den Hinterhof zu begrünen.“ Der sagte einfach nur: „Mach!.“ Und spendierte sogar 400 Mark für Pflanzenkübel. Nun sprießen schon seit Jahren im Hinterhof Rosen und Wildpflanzen, wie etwa das Bergbrunnenkraut. „Das wird von den Bienen bevorzugt angenommen.“ Auch die Monarde, eine weitere Wildpflanze, gedeiht zwischen den Häusermauern. „Die Schmetterlinge lieben die sehr – und man kann auch Tee draus machen.“
Ohne behördliche Erlaubnis geht es nicht

Erst die Erlaubnis einholen
Fast zehn Jahre später kam der nächste Schritt – die Begrünung der Abbestraße. Zunächst ging es nur darum, der Zunahme der ekligen Hundehaufen Einhalt zu gebieten. Die Lösung: je zwei miteinander verbundene, massive Metallkübel, die bepflanzt werden konnten. Zwischen den zwölf Kübeln haben die Bäume immer noch genügend Platz, sich zu entfalten. Doch vorher stand Papierkrieg an. Denn wer öffentliche Flächen begrünen will, braucht – Ordnung muss sein – eine behördliche Erlaubnis. Tina Weiß: „Unser Antrag ging durch die Ausschüsse und wurde schließlich genehmigt.“ Einen Zuschuss in Höhe von 2.000 Euro gab es zusätzlich. Das war im Sommer 2006.
Etwas versteckter als das Blumenkübel-Projekt in der Abbestraße liegt der Garten des Tutenberg-Instituts für Umweltgestaltung im Altonaer Volkspark. Die Freizeitgärtner wollen mit diesem Namen an Ferdinand Tutenberg (1874-1956) erinnern, den Gründer und Vordenker des Volksparks in Hamburg-Bahrenfeld. Die rund 90 Aktiven bewirtschaften eine Fläche nahe dem Gartenbauamt am Schulgartenweg. 2009 wurde den damals zwölf Gründungsmitgliedern die Fläche vom Bezirk nach längeren Verhandlungen kostenfrei zur Verfügung gestellt.
„Wir bauen hier Gemüse an, Kräuter, Kartoffeln, Bohnen, Radieschen, Salate und Zucchini“, schildert Edouard van Diem. Der Bahrenfelder ist Ideengeber für den naturnahen Garten, der aus drei Bereichen besteht. „Einmal gibt es den Nachbarschaftsgarten mit Einzelparzellen sowie den Schlüssellochgarten, auch Mandala-Garten genannt.“ Die Besonderheit des Mandala-Gartens: Überall liegen Ziegelsteine, die sich durch die Sonnenstrahlen erwärmen, „und dadurch ein günstiges Mikroklima schaffen“, erläutert van Diem, der unter anderem im bitterarmen Kongo Bauern bei landwirtschaftlichen Projekten berät. Drittens gibt es noch den „Waldrandgarten“. Hier wachsen etwa Blaubeeren, Stachelbeeren, Johannisbeeren, Mirabellen und Apfelbäume. Ungewöhnliche Geste: Wer mag, kann vorbeikommen und selbst ernten, ohne um Erlaubnis zu fragen. Van Diem: „Wir wollen damit der Gemeinschaft etwas zurückgeben.“ Und das alles übrigens ohne Giftspritze.
Die Gärtner sorgen auch selbst für beste Humuserde – durch ihr Bio-Klo. „Terrapreta-Toilette“ nennt sich das Scheißhaus, in dem spezielle Bakterienkulturen die Hinterlassenschaften der Menschen zersetzen und „schwarze Erde“ produzieren. Van Diem: „Das ist der fruchtbarste Boden, den wir kennen.“
Ein besonderes Imkerkonzept
Nur wenige Meter vom Waldrandgarten entfernt, befinden sich Bienenstöcke, aber keine 08/15-Kästen, betont der engagierte Bahrenfelder: „Es handelt sich hier um ein wesensgemäßes Imkerkonzept.“ Und das heißt? „Die Bienen bauen selbst Naturwaben und überwintern auf eigenem Honig.“ Die Honigernte der Gartenbetreiber ist daher mit etwa zehn Kilo pro Jahr und Volk vergleichsweise gering. Auch jetzt noch, im Oktober, verlassen fleißige Bestäuber ihre Kästen, um Spätblüher anzusteuern. Wer so viel Wert auf naturnahe Gartengestaltung legt, hat wohl eine Botschaft. Stichwort: weniger ist mehr. Van Diem: „Genau darum geht es uns: Zu zeigen, mit wie wenig man Spaß, Freude und Lebensqualität haben kann.“
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.